Notizen aus dem digitalen Selbstwiderspruch

 

Piktogramme von der Website der Universität Bern

 

von JAN DISTELMEYER

Der neue Freiraum des sozialen Ausnahmezustands wird seit Mitte März mit digitalen Mitteln besetzt. Was irgend geht (also nach den neuen gegebenen Bedingungen), wird online erledigt. Noch offensichtlicher und willkommener erweist sich der Computer dabei als die erste und beste Maschine zur Überwindung der einstmals für einige eingerichteten Grenze zwischen Arbeits- und Freizeit. Es läuft einfach: Bestehende Internet-Plattformen beweisen ihre Effektivität als einigermaßen alternativlose Zentren sozialen Lebens. Oldschool-Mailinglisten helfen in der Organisation von Solidarmaßnahmen. Die neue „Home Office“-Normalität macht Kommunikationsdienste wie Jitsi, Zoom, Skype, MS-Teams, Wire, BigBlueButton usw. weltweit systemrelevant. Freundschaften, Liebesbeziehungen und Familienzusammenhänge werden mit den gleichen Tools aufrecht gehalten oder neu geknüpft. Schulen, Hochschulen und Universitäten setzen den Alltagsbetrieb von Unterrichten, Lernen, Studium und Lehre „durch die Bereitstellung digitaler Lehr- und Lernformate“ fort.

Diese Organisation von „Fernbeziehungen und Distanzkulturen“ ist die Normalität der Ausnahme. Der „geteilte Bildschirm des Livestream“ gewinnt in mehr als einer Hinsicht politische Dimensionen. Auch dadurch: Was nun auch immer an Realität durch/über/als Monitor- und Lautsprecher-Geschehen entsteht, entsteht ausschließlich auf der Grundlage von Computern. Für alle, die den mit dem Wolkenwort „die Digitalisierung“ markierten Prozessen nicht unvoreingenommen gegenüberstehen und nicht ohne Kritik an ihnen teilhaben, vertieft sich damit der Selbstwiderspruch.

Mehr denn je bin ich Teil und mittreibende Kraft der vernetzten Ausbreitung und Eigendynamik von Computertechnologie, von der ich profitiere und deren Bedingungen, Prozesse und Effekte gerade wegen ihrer umfassenden Effektivität so dringlich und schwer zu beschreiben sind. Wer vor Corona z.B. in Sachen Medienwissenschaft, Software Studies, Kulturwissenschaft, Platform Studies o.ä. Seminare hielt und Diskussionen führte, konnte sich dem Thema der Computerisierung immer auch mit anderen Mitteln nähern. Damit ist nun erstmal Schluss: Im Online-Semester und den Präsenznotbetrieben der Institutionen ist alles, was Studium und Lehre angeht, internetbasiert zu bewältigen. Wenn Computer (in welchen Formen auch immer) nun verhandelt werden sollen, sind Computer der einzige Weg und Bedingungsrahmen, das zu tun.

Die (Regel-)Kreise schließen sich. Die (gerade für den Corona-Star Zoom immens heiklen) Fragen des Datenschutzes, der Lizensierung von (welcher?) Software, der Verfügbarkeit von leistungsfähigen Computern für alle Studierenden/Lernenden, der Qualität der Internetverbindungen, der Möglichkeit von Diskussionen in Online-Konferenzen – diese und weitere Fragen zur neuen Basis müssen nicht nur binnen weniger Tage geklärt werden. Sie werden auch immer schon auf genau der protokollogischen Grundlage von Internet-Diensten und Plattformen diskutiert, um die es dabei geht.

 

 

Die Entscheidung für Zoom wird bei einem Zoom-Meeting zurückgenommen. Die Schwierigkeit, „offen“ in einer Videokonferenz zu diskutieren, wird so offen, wie es eben (nicht) geht, in einer Videokonferenz diskutiert. Anregungen zur „Übersetzung von Lehre in Online-Formate“ als „wissenschaftspolitisches Experiment, das eine Reihe von institutionellen Risiken birgt und ebenfalls von uns als Medienwissenschaftler_innen spezielle Aufmerksamkeit erfordert“, erreichen und beschäftigen mich und viele andere online. Einschätzungen („Teaching cannot be simulated in environments built around projects, corporations, positivism, monitoring, and – crucially – loneliness and absence.“) und Appelle („Please do a bad job of putting your courses online“) ebenso. Gleichzeitig läuft – auch um denen etwas zu bieten, die darauf angewiesen sind – die konkrete Planung des Online-Semesters parallel mit dem Engagement, dieses Semester als ausdrücklichen Ausnahmezustand ernst und nicht zum Vorbild zu nehmen.

Diese Intensivierung des digitalen Selbstwiderspruchs macht auf mich einen merkwürdigen Eindruck. Es kommt mir so vor, als ob sich nun theoretische Überzeugungen nicht nur praktisch, sondern zutiefst körperlich bestätigen. Grundbedingungen von Digitalität und Computerisierung – dass eben Prozesse der programmatischen Vorbereitung, Erfassung und Filterung laufen, die automatisch ausschließen, was sich den gegebenen Bedingungen des Kalkulierbaren entzieht – melden sich bei mir als Körpererfahrung. Nach mehreren Tagen Dauerkontakt mit der Welt über Mails, Chats und jede Menge „Telepräsenz“, glaube ich den Ausschluss fühlen zu können. Die „unerbittliche Verdichtung, Kompression, Einschnürung der Realität in (und durch) den (Handheld-, Desktop-)Bildschirm“ konfrontiert mich, jedenfalls nehme ich das an, mit Grundsätzlichem. Selten war mir so präsent, dass das Internet eben keine Vernetzung von Menschen, sondern von Computern ist – was Menschen dann auch immer an Tollem und Trostlosem damit anfangen mögen.

Von hier aus, aus der neu gefühlten Verstrickung, verringert sich immer spürbarer die Distanz zu dem, was sich an allgemeinen Entwicklungen beobachten lässt. Zur Digitalitäts-Dynamik der Corona-Krise gehört dabei vielleicht vor allem, dass sich der Wind noch einmal gedreht hat.

Am 3. März 2019 erklärte Evgeny Morozov: „Die Feststellung, dass der ‚Techlash’ – unser böses Erwachen, was für gigantische Macht die Technologieunternehmen haben – von Monat zu Monat an Kraft gewinnt, ist schon eine Binse.“ Am 3. April 2020 bilanzierte Deepti Bharthur:

„The year 2019 was the year of ‘the first great big techlash’, when regulators actively started to push back against Big Tech’s eat-the-planet tendencies and launched antitrust investigations; when users demanded greater accountability from social media platforms on their arbitrary content governance standards; when a US presidential candidate based, in large part, a campaign agenda on breaking up Facebook; and when surveillance capitalism became an ubiquitous term to be thrown around in common parlance. And then came the great sickness, which spread through all of the land and things took a different turn. […] The current global environment has made it possible for digital economy players to reshape themselves in a positive light and move away from the regulatory din that has surrounded them for some time. But more crucially, it has firmly reinforced their critical significance to the global economy. At the end of it all, their stranglehold over the world may be tighter than ever.“

Die unterschiedlichen Verfahren von und Debatten zu Corona-Apps, die eine Distanzierung von der chinesischen Capture-Regierung (aka „Totalitarismus im digitalen Gewande“, Kai Strittmatter) nicht mehr ganz so leicht machen, gehören dazu. Dass sie zu einer Zeit kommen, in der Überlebens-Statistiken für derartige Kontrollverfahren sprechen und das gesellschaftliche Immunsystem gegenüber Digitalisierungs-Bedenken gerade massiv gestärkt wird, macht die Lage nicht einfacher.

Die „Corona-Datenspende“ der gleichnamigen App des Robert Koch-Instituts z.B. ist vermutlich leichter zu geben, wenn die „Corona-Krise […] auch den Digital-Skeptikern die Tragweite der weltweiten Vernetzung vor Augen“ (SZ) führt; wenn „das Digitale, von Kulturpessimisten und Fortschrittsskeptikern als Hort der menschlichen Entfremdung verfemt, […] Arbeitsprozesse, die Möglichkeit zu lernen und soziale Interaktion aufrecht“ (Welt) hält; wenn die Staatsministerin für Digitalisierung die Covid-19-Pandemie als „eine Initialzündung“ für „die Digitalisierung“ bezeichnet – auch wenn es „schade“ sei, „dass es auch bei uns eine Krise braucht, damit wir bei der Digitalisierung umdenken, bestehende Vorbehalte aufgeben und darin die Chancen für Lebensverbesserung sehen“ (Spiegel).

Dies zu bemerken und sich dazu zu verhalten, läuft augenblicklich merkwürdig distanzlos. Von der einen Plattform zu anderen (Rosa Mercedes); so funktionieren Links. Nicht neu also, nur intensiver. In dieser Intensität liegt die Chance, ihre Bedingungen deutlicher wahrzunehmen.

 

 

 

 

09.04.2020, 02 / Rosa Mercedes
Schnittstelle

David Graeber (1961-2020) on What Would It Take (from his The Democracy Project. A History, a Crisis, a Movement, 2013, p. 193): „We have little idea what sort of organizations, or for that matter, technologies, would emerge if free people were unfettered to use their imagination to actually solve collective problems rather than to make them worse. But the primary question is: how do we even get there? What would it take to allow our political and economic systems to become a mode of collective problem solving rather than, as they are now, a mode of collective war?“

07.09.2020, Tom

T.J. Demos on why cultural practitioners should never surrender, via tranzit.sk:  „For artists, writers, and curators, as art historians and teachers, the meaning-production of an artwork is never finished, never fully appropriated and coopted, in my view, and we should never surrender it; the battle over significance is ongoing. We see that battle rise up in relation to racist and colonial monuments these days in the US, the UK, and South Africa. While the destruction of such monuments results from and is enabling of radical politics, it’s still not enough until the larger institutions that support and maintain their existence as well as the continuation of the politics they represent are also torn down. This is urgent as well in the cultural sphere, including the arts institutions, universities, art markets, discursive sphere of magazines and journals, all in thrall to neoliberalism, where we must recognize that it’s ultimately inadequate to simply inject critical or radical content into these frameworks, which we know excel at incorporating those anti-extractivist expressions into further forms of cultural capital and wealth accumulation. What’s required is more of the building of nonprofit and community-based institutions, organizing radical political horizons and solidarity between social formations.“

21.08.2020, Tom

Bernard Stiegler, quoted from The Neganthropocene (trans. Daniel Ross): „Does anyone really believe that it is possible to ‘solve’ the problems of climate change, habitat destruction and cultural destruction without addressing the consumerist basis of the present macro-economic system, or vice versa, or without addressing the way in which this system depletes the psychic energy required to find the collective will, belief, hope and reason to address this planetary challenge? Can this consumerism really survive the coming wave of automation that threatens to decimate its customer base and undermine the ‘consumer confidence’ that is fundamental to its perpetual growth requirements, themselves antithetical, once again, to the problems of biospherical preservation?“

14.08.2020, Tom
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