Der geteilte Bildschirm des Livestream, oder Für eine Politik des Häuslichen

2 April 2020, 7:00 p.m. ET/ 6:00 p.m. CST, Teach-In Rising Majority w/ Naomi Klein & Angela Y. Davis, „Movement Building in the Time of the Covid-19 Crisis. A Left feminist perspective on 21st century racial capitalism in this moment,“ and further contributions by Thenjiwe McHarris, Maurice Mitchell, Cindy Wiesner and Loan Tran; organizd by The Rising Majority and supported by the Working Families Party, #SquadUp, therisingmajority.com

Vor ein paar Tagen, am Freitag, dem 3. April 2020, um 1 Uhr morgens Berliner Zeit, wurde ein Teach-In mit der politischen Aktivistin, Philosophin und Autorin Angela Y. Davis sowie der sozialen Aktivistin, Autorin und Filmemacherin Naomi Klein live von den Computern in ihren Wohnungen übertragen. Auf Einladung der Prison-Abolition-Aktivistin Thenjiwe McHarris sprachen sie über die Covid-19-Krise. Community-Organisator*innen wie Maurice Mitchell, Loan Tran und Cindy Wiesner von verschiedenen Graswurzelbewegungen in den USA waren ebenfalls zugeschaltet. Sie alle haben sich der Koalition von The Rising Majority [i] angeschlossen, die für den „Aufbau einer mächtigen, antirassistischen Linken für radikale Demokratie“ kämpft. Davis und Klein begannen mit der politischen Forderung nach „transformativen Visionen des strukturellen Wandels“ in dieser planetarischen Krise, während Thenjiwe McHarris das Teach-In begann, das ein Klassenzimmer über Tausende von Wohnungen spannte, bei dem sich jede/r online in ein Webinar einloggte, das geteilte Bild anschaute und anhörte, Bildschirme und den Link auf Social Media teilte.

Sollte diese Krise nicht eine Politik des Häuslichen einfordern, insbesondere von denen, die das Privileg des #stayathome haben? Was für eine Art von visueller Politik produziert #stayathome und fordert sie auch ein? Wie könnten oder sollten wir, die wir diese Krise im #stayathome-Modus verbringen, die kollektive Arbeit „systemrelevanter“ Arbeiterinnen und Arbeiter, die den grundlegenden Bedürfnissen der Gesellschaft jenseits kapitalistischer Logiken Rechnung tragen, unterstützen oder zu dieser beitragen? Mit anderen Worten: Anstatt darauf zu warten, dass eine neue Linke aus der Asche des Traumas von 1989 entsteht, könnten wir sicherstellen, dass das Virus uns nicht mit seinem „antikapitalistischen Instinkt“ allein lässt, wie David Harvey auf democracyatwork.info vorschlug, während er über seine häusliche Politik des heimischen Kochens nachdachte.  Es sieht alles danach aus, als hätte das Virus den „globalen Kapitalismus, der jetzt offenkundigerweise nicht weiter aufrechterhalten werden kann“ (AYD), angesteckt.

 

David Harvey, Anti-Captialist Chronicles Compensatory Consumerism, 2 April 2020, democracyatwork.net

 

Wie können wir ein anhaltendes „globales Gespräch“ (NK) und „internationale Solidarität“ (AYD) fördern, die gegen rassistischen Kapitalismus, Klassenunterschiede und soziale Ungerechtigkeit kämpfen, die sich in der Krise des Gesundheitswesens und des Gefängnis-Industriekomplexes herauskristallisieren, wie Davis hervorhebt? Wie könnten wir ein Leben leben und eine Gesellschaft organisieren, die über unsere Bildschirme zu anderen gelangen, allerdings ausgehend von häuslichen Räumen wie dem Wohnzimmer, der Küche, dem Balkon oder der Veranda?

Binna Choi and Maiko Tanaka (eds.), Grand Domestic Revolution Handbook, a compendium of living research for building a domestic commons and oikopolitics, Casco-Office for Art, Design and Theory, Utrecht, Valiz: Amsterdam, 2014

Wie würde eine Grand Domestic Revolution (GDR) aussehen, heute, in diesem Moment, so wie Casco – Office for Art, Design and Theory in Utrecht schon vor einigen Jahren gefragt hat?

 

Chapter „Economy to Oikos,“ in Grand Domestic Revolution Handbook, 2014, pp.173-225

 

Rehana Zama, Like an Iron Maiden. Trapped between a Rock and a Hard Place, 2010, video, 11min, in Grand Domestic Revolution Handbook, 2014, p. 200

 

Sicherlich ist die Große Häusliche Revolution im Moment viel enger an eine Oikopolitik gebunden, wie sie in Like an Iron Maiden. Trapped between a Rock and a Hard Place (2010) von Rehana Zaman kartografiert wurde, allerdings neu ausgerichtet, neu definiert durch die Praxis der sozialen Nähe bei gleichzeitiger Körperdistanz, durch digitale Technologien und cyber-räumliche Praktiken.

Mit anderen Worten, während die Suche nach einer dringenden Politik des Häuslichen durch die gemeinsame Nutzung von Bildschirmen auf transkontinentaler Ebene erfolgt, sollte die Notwendigkeit von „digital commons“ (NK) auch eine Technopolitik des Live-Streaming, der Datenübertragung und der Telekommunikation auf transkontinentaler Ebene einfordern. Ist der geteilte Bildschirm ein mögliches „actionable image“ (Harun Farocki entwickelt dieses Konzept von Alexander Galloways Vorschlag des “actionable object” [in Gaming: Essays on Algorithmic Cultures, 2009]) von/für die Politik des Häuslichen, das jede Teilnehmerin einer Videokonferenz zu Reporterin der eigenen häuslichen Handlung macht (was jedoch nur effektiv ist bei einer kollektiven Anstrengung, die die Form eines gemeinsamen Bildschirms oder eines Split-Screens annimmt)?

 

Angela Y. Davis bei sich zuhause in Oakland (Kalifornien), 3. April 2020, 1:00, Berliner Zeit, Teach-In „Movement Building in the Time of the Covid-19 Crisis. A Left feminist perspective on 21st century racial capitalism in this moment,“ therisingmajority.com.

Im Live-Stream sehen wir Davis in ihrem Haus in Oakland (Kalifornien), umgeben von ihren Büchern; ein kleiner Hund scheint irgendwann am Rand des Bildschirms entlangzuhuschen (was noch zu überprüfen ist, aber Davis hat von ihrem Hund gesprochen, wie die Dichterin und Essayistin Dawn Lundy Martin in ihrem Long Road to Angela Davis’s Library bemerkt), was auf eine für die häuslichen Sphäre übliche Interspezies-Privatheit hindeutet.

 

Naomi Klein bei sich zuhause, 3. April 2020, 1:00, Berliner Zeit, Teach-In „Movement Building in the Time of the Covid-19 Crisis. A Left feminist perspective on 21st century racial capitalism in this moment,“ therisingmajority.com

Wir sehen Klein in einem vorderen Raum, der als ihr „Heimbüro“ fungiert – mit gerahmten Familienfotos auf der rechten Seite, die alle in Richtung der Computerkamera zu blicken scheinen; hinten an der Wand sind zwei A1-große Prints zu erkennen, die wie Schwarzweiß-Collagen aussehen – eine der Grafiken scheint so etwas wie eine Hand zu zeigen, die etwas hält –, beide auf einem auffällig roten Hintergrund, der das Rot ihrer Jacke wiederholt.

Naomi Klein weist auf den „Luxus der Quarantäne“ für Leute wie uns hin, die zu Hause bleiben können, überhaupt ein Zuhause haben, die während ihrer Telearbeit #stayathome bezahlt werden (sollen), oder darüber hinaus die Zeit haben, für Rosa Mercedes 02 zu schreiben, und so weiter. Ihr Gespräch führt sie zu dem Aufruf, dass diejenigen, die zu Hause bleiben, die zur Verfügung stehenden Technologien zur Schaffung von „digital commons“ (NK) mobilisieren, als Beitrag derjenigen zur Care-Work, die keinen „systemrelevanten“ Beruf haben, wie z.B. Supermarktarbeiterin, Krankenschwester, Ärztin, Bäckerin, Reinigungskraft oder der Postbote und die Postbotin.

Der Hashtag #stayathome demonstriert kristallklar das Maß des „kollektiven Immunsystems“ (Naomi Klein) in bezug auf Klasse, Rasse und Geschlecht innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft während dieses planetarischen Bruchs. Der Dienstleistungssektor – die Betreuung älterer Menschen, die Lebensmittelversorgung und die Kinderbetreuung usw. – ist immer noch hauptsächlich Frauenarbeit. In diesem Teach-In – im Kontext politischer Bewegungen ein Bildungsformat an sich – fordert Davis daher, von den Praktiken des „feministischen Organisierens“ zu lernen, die heute in verschiedenen Gesellschaften des so genannten Globalen Südens oder in Indigenen Gemeinschaften im so genannten Globalen Norden praktiziert werden. (N.B. Im Gegensatz zu Davis und Klein entschied sich der marxistische Wirtschaftsgeograf David Harvey dafür, seinen häuslichen Raum unsichtbar zu machen, während er über primitive Akkumulation, kompensatorischen Konsum und Hausmannskost sprach. Stattdessen erscheint er auf der Leinwand in einem seiner berühmten roten Pullover, in einem grauen Sessel ohne Tisch, aber mit einer scheinbar professionellen Kamera vor sich und eingerahmt von einem gerenderten schwarzen Hintergrund, als ob dieser Rahmen eine Sequenz in einer Reihe von Gesprächen markieren würde. Sicherlich muss Harvey eine Person oder ein Team gebeten haben, die Videodatei zu filmen und zu schneiden, doch sie bleiben im Video ungenannt).

#stayathome ist in diesen Tagen ein weit verbreiteter und auch stark debattierter Hashtag gewesen. Der visuelle Ausdruck von #stayathome ist das geteilte Bild, der geteilte Bildschirm oder Split-Screen: Department-Besprechungen, Tutorials der Studierenden, Konferenzen und Live-Streams finden statt, indem man ein Dokument oder einen Link sofort zum Herunterladen freigibt, das Mikrofon stummschaltet, während die Aufnahme noch läuft, den Hintergrund verschwimmen lässt, die Kollegen in ihren häuslichen Räumen ebenso sieht wie man selbst nach der Kaffeetasse greift, usw. Videokonferenztechnologien verwenden Vokabeln der architektonischen Organisation, z.B. „Raum“ für die Definition einer Schnittstelle online, um ein Gespräch mit mindestens zwei Teilnehmern zu teilen.

Das Split-Bild von Live-Streams, Webinaren oder Department-Besprechungen auf unserem Computerbildschirm funktioniert ähnlich wie eine „weiche Montage“ (Harun Farocki), jedoch mehr als nur zwischen editierten Bildern: Dieser geteilte Bildschirm schneidet in Echtzeit, als ob unser Desktop während der Live-Übertragung der Schneidetisch des Regisseurs wäre. Wir sind in jedem Moment der gemeinsamen Nutzung einer Videokonferenz eine lebendige Montage, wie Jodi Dean in in “Faces as Commons. The Secondary Visuality of Communicative Capitalism” formuliert hat. (Open!, 31. Dezember 2016): „Im kommunikativen Kapitalismus zirkulieren Bilder leichter als Worte, und Worte nehmen Züge von Bildern an (wie in Wort-Wolken). Dieser neue Visualismus ist nicht nur eine Frage von Werbung, Fernsehen, Marken, Mainstream-Medien und ähnlichem. Er charakterisiert die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht, von einer zu wenigen, von einer zu vielen, von wenigen zu vielen, von vielen zu wenigen und von vielen zu vielen. Soziale Medien und Texte basieren auf Bildern aller Art – Emoticons, Fotos, Videos, Meme – und setzen diese in verschiedenen Kombinationen ein. Wir leben die Montage“. Doch die aktuellen Bedingungen von Live-Streaming, Videokonferenzen, Telearbeit, Cyber-Lernen oder Fernunterricht in Echtzeit oder „synchrones Lernen“, wie es in der Sprache language @ KIS: Do This, Not That by Alison Yang heißt, funktionieren durch eine „weiche Montage“ von vielen zu einem zu wenigen zu vielen Haushalten.

 

Angela Dimitrakaki, „Globalisation, Phase III: The Global Social Reproduction Crisis,“ CCC Public Seminar, 1 April 2020, 6pm Athens-time, zoom-out at the end of the live-stream, CCC RP Master, Head Genève

Könnten der gemeinsame Bildschirm und das mehrfach geteilte Bild in Echtzeit über reale Räume hinweg eine Infrastruktur für ein kollektives Weltbild mobilisieren – sowohl visuell als auch sozial? Oder – wie Klein in ihrem Gespräch mit Davis für therisingmajority.com vorschlägt – einen „kollektiven Fußtritt“, um die Türen für Möglichkeiten zu öffnen, die ebenso weitreichend sind wie empfänglich für antiimperialistische Politik? Könnte dieses gespaltene Bild unserer Wohnzimmer eine immer schon existierende, aber unsichtbare Oikopolitik in den Vordergrund drängen, d.h. eine politische Ökonomie des Haushalts, die Formen des „digitalen Organisierens“ (Klein) und des „feministischen Organisierens“ (Davis) fördert? Denn diese werden wir brauchen, um uns auf die Zeit vorzubereiten, nachdem der Souverän das Ende des Ausnahmezustands erklärt haben wird.

Wahrscheinlich wird der Telearbeits-Imperativ der Gegenwart im Namen von Cyberlearn, Moodle, Zoom, Teams, Wobei, BigBlueButton, Skype oder Jitsi die Neoliberalisierung der Bildung in ein weiteres Kapitel voranschreiben. Wahrscheinlich kommt die Corona-verstärkte globale Einflussnahme auf die Arbeit wie ein unerwünschter Streik für Künstler daher, die unmittelbar nach der Aufhebung von #stayathome jede Gelegenheit brauchen werden, um wieder auszustellen. Doch so sehr Davis und Klein für eine Linke auch „eine bessere Position in dieser Krise“ als 2008/09 konstatieren, so sehr sollten wir nach einem visuellen Imaginären suchen: Indem wir laut und nachdrücklich eine Politik des Häuslichen, der Selbstorganisation über #stayathome hinaus fordern. Während „systemrelevante“ ArbeiterInnen dafür sorgen, dass das #stayathome-Kollektiv Nahrung, Elektrizität, Wasser … hat, sollten die vielen ArbeiterInnen in den Produktionsstätten der visuellen Kulturen nach möglichen Artikulationen suchen, die spezifisch von/zu einer Oikopolitik sprechen, die auf eine transformative Vision eines strukturellen Wandels zielt – um „darauf vorbereitet zu sein, den Boden zu treffen, wenn wir endlich wieder in Kontakt miteinander kommen können“ (NK) im Klassenzimmer, im Ausstellungsraum oder auf der Straße. DM

 

Versuche, per Skype mit meinem Curatorial/Politics-Seminar am 1. April 2020 über die CCC-CARE-Gruppe des Programms zu beginnen.

 

[i] Thenjiwe McHarris is currently in leadership within the Movement for Black Lives and is the co-founder of Blackbird, an organization that focuses on international movement building. Maurice Mitchell is the National Director at Working Families Party, which is a progressive grassroots political party building a multiracial movement of working people to transform America. Loan Tran is Co-Executive Director of Southern Visions Collective. Cindy Wiesner is Executive Director of Grassroots Global Justice Alliance. https://therisingmajority.com

 

05.04.2020, 02 / Rosa Mercedes
Schnittstelle

David Graeber (1961-2020) on What Would It Take (from his The Democracy Project. A History, a Crisis, a Movement, 2013, p. 193): „We have little idea what sort of organizations, or for that matter, technologies, would emerge if free people were unfettered to use their imagination to actually solve collective problems rather than to make them worse. But the primary question is: how do we even get there? What would it take to allow our political and economic systems to become a mode of collective problem solving rather than, as they are now, a mode of collective war?“

07.09.2020, Tom

T.J. Demos on why cultural practitioners should never surrender, via tranzit.sk:  „For artists, writers, and curators, as art historians and teachers, the meaning-production of an artwork is never finished, never fully appropriated and coopted, in my view, and we should never surrender it; the battle over significance is ongoing. We see that battle rise up in relation to racist and colonial monuments these days in the US, the UK, and South Africa. While the destruction of such monuments results from and is enabling of radical politics, it’s still not enough until the larger institutions that support and maintain their existence as well as the continuation of the politics they represent are also torn down. This is urgent as well in the cultural sphere, including the arts institutions, universities, art markets, discursive sphere of magazines and journals, all in thrall to neoliberalism, where we must recognize that it’s ultimately inadequate to simply inject critical or radical content into these frameworks, which we know excel at incorporating those anti-extractivist expressions into further forms of cultural capital and wealth accumulation. What’s required is more of the building of nonprofit and community-based institutions, organizing radical political horizons and solidarity between social formations.“

21.08.2020, Tom

Bernard Stiegler, quoted from The Neganthropocene (trans. Daniel Ross): „Does anyone really believe that it is possible to ‘solve’ the problems of climate change, habitat destruction and cultural destruction without addressing the consumerist basis of the present macro-economic system, or vice versa, or without addressing the way in which this system depletes the psychic energy required to find the collective will, belief, hope and reason to address this planetary challenge? Can this consumerism really survive the coming wave of automation that threatens to decimate its customer base and undermine the ‘consumer confidence’ that is fundamental to its perpetual growth requirements, themselves antithetical, once again, to the problems of biospherical preservation?“

14.08.2020, Tom
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