Tele-Ekel: Weiteres zum Verlust der Präsenz

 

Technologien des Bildes sind auf vielen Ebenen – technisch, ideologisch, diagnostisch usw. – in die Medien der Kommunikation integriert. Sie schaffen Sichtbarkeit und ermöglichen audiovisuellen Austausch inmitten dieses „Krieges“ gegen den „unsichtbaren Feind“. Sie verrichten ihren Dienst (wenn man so sagen darf) in einem globalen Megastruktur-Konglomerat aus öffentlichem Fernsehen und Radio der alten Schule einerseits und den vom Plattformkapitalismus abgeschirmten, durch eine Paywall geschützten Überarchitekturen der „sozialen“ Medien und „Content“-Lieferdienste andererseits. Alles ist neu, aber es ist auch tot und verrottet. Wie Keller Easterling feststellt: „Die intelligente Stadt bewahrt den Glanz des Neuen, auch wenn sie Informationen auf eine Weise zentralisiert, die die Privatsphäre verletzt, mit einem Netzwerk, das primitiv und grob ist.

Je länger die Kontaktminimierungen und Ausgangssperren andauern, desto mehr werden sich die Leute der Grenzen der audiovisuellen Konnektivität bewusst. Zunehmend erleben sie die bildschirmbasierten Formen der Verhaltenslenkung, Affektmodellierung und Gedankenführung als das Gegenteil von dem, was sie vorgeben zu sein, d.h. weit weniger als verbindend denn als trennend. Ich habe in den letzten Tagen mit vielen Freunden gesprochen, die phobische Reaktionen auf ihre eigene Abhängigkeit von der Telepräsenz entwickelt haben. Sie bedauern und kritisieren die unerbittliche Verdichtung, Kompression, Einschnürung der Realität in (und durch) den (Handheld-, Desktop-) Bildschirm. Jedenfalls müssen sich die Vorteile von Skype und Zoom, von Videochats und des Streamings von content mehr und mehr an ihren Nachteilen messen lassen, zumindest werden sie einer intensiven Neubewertung unterzogen.

Eine Freundin schickte den obigen Zoom-joke, den sie auf Twitter gefunden hatte – eine „aktualisierte“ Version von Rembrandts Anatomie des Dr. Tulp.

 

 

Der Anatom ist nun von seinen Studenten und Kollegen isoliert. Sie verfolgen sein Öffnen des toten Körpers aus sicherer (und wohl auch sozialer) Distanz. Nur die Leiche, die auf dem Tisch vor ihm ausgebreitet liegt, teilt Tulps Quarantäne. Die Übersetzung der Live-Anatomievorlesung in einen Televortrag scheint dabei ziemlich reibungslos zu funktionieren. Es wirkt so, als wäre die zugeschaltete Gruppe bärtiger, weißer Männer mit Halskrause mit allem sehr einverstanden. Die modifizierte Szene des Rembrandt-Gemäldes erinnert an multimodale robotergestützte Telepräsenzsysteme im Gesundheits- und Pflegebereich (assistive robotics); sie nimmt somit ihre generelle Umsetzung in einer Zukunft der universellen Quarantäne und des obligatorischen Fernlernens vorweg. Genau aus diesem Grund erscheint Dr. Tulp selbst irgendwie überflüssig.

 

 

Icon of „Isolation,“ from the website of NASA’s Human Research Program section on the „5 Hazards of Human Spaceflight“

 

 

Folglich ist es weniger die/der Gefangene in Einzelhaft als die/der verzweifelte, betäubte, überdosierte Allein-Astronaut/in in ihrem/seinen verlassenen Raumschiff – Gegenstand des Human Research Program der NASA -, die/der jetzt als Rollenmodell für die Distanzkultur nach Corona kandidiert.

Bildtheoretisch gesehen sind dies alles freilich nicht unbedingt Neuigkeiten. Wie André Gunthert, ein führender französischer Kritiker der visuellen Kultur, in einem Blog-Eintrag über den „Triumph der Bilder“ erinnert, der heute hochgeladen wurde: „Wir entdecken es jeden Tag in unseren digitalen Kommunikationen neu: Das Bild ist nicht gleichzusetzen mit Präsenz. Unzählige pragmatische Pixel trennen die Erfahrung der audiovisuellen Vermittlung von derjenigen von Angesicht zu Angesicht, die von den digital verknüpften Werkzeugen nur schlecht reproduziert wird. Ich kann meinen virtuellen Gesprächspartner nicht berühren oder umarmen. Und das Mosaik der Bildschirme in einer Videokonferenz bietet nur eine körperlose und entfernte Nachahmung der physischen Begegnung mit ihren unterschiedlichen Kommunikationsebenen. Aber das Bild ist nicht weniger unersetzlich, wenn die Umstände einen direkten Kontakt verhindern. Genau auf diese Fähigkeit zur Substitution verweist einer der ersten Theoretiker der Malerei, Leon Battista Alberti, wenn er die Macht des Bildes durch den Vergleich mit der größtmöglichenn aller Trennungen veranschaulicht. ‚Plutarch sagt, dass Kassander, einer der Hauptmänner Alexanders, am ganzen Leib zitterte, weil er ein Porträt seines Königs sah‘ [Plutarch, Das Leben Alexanders, LXXIV,4] (Über die Malerei, 1435). Als Alexander noch lebte, war sein Porträt nur eine Kopie, die dem Modell notwendigerweise unterlegen war. Aber in Abwesenheit des lebenden Körpers wird das Bild zu einem Relikt der Gegenwart. Es sind die äußeren Bedingungen der Darstellung, die ihren Wert definieren. […] Bilder sind keine transparenten Vektoren der Information, und ihre Grenzen oder Manipulationen müssen ständig in Erinnerung gerufen werden. Aber Spektakel sind nicht überflüssig oder redundant, wenn wir freien Zugang zu dem haben, was sie enthalten. Wenn die Umstände uns von ihnen wegführen, zögern wir nicht, auf Ersatzformen zurückzugreifen“.

Gunthert gibt des Weiteren zu Bedenken, dass die „Chancen nicht schlecht stehen, dass das aktuelle, groß angelegte Experimentieren mit der Telepräsenz, das zuvor auf viel Widerstand gestoßen war, nun deren dauerhafte Übernahme befördert. Die künftige Wiederholung von epidemischen Episoden, der daraus resultierende Hygienedruck, ganz zu schweigen von der Zunahme des ökologischen Bewusstseins, führen zu einer Verringerung des Verkehrs und verringern die Möglichkeiten für Versammlungen. Die Anwendungen der Telepräsenz sind daher dazu bestimmt, dass sie sich in einer Gesellschaft etablieren, deren Codes sich grundlegend verändern werden“. Eine solche Transformation der gesellschaftlichen Codes findet in diesem Moment statt. Es bleibt nur abzuwarten, inwieweit sie Fuß fassen wird. Neuere Studien zur Kommunikation in Zeiten der Aufmerksamkeitsknappheit könnten sich hier als durchaus nützlich erweisen. TH

03.04.2020 — Rosa Mercedes / 02
Schnittstelle

Olena Lyubchenko on Whiteness, Expropriation, War, and Social Reproduction in Ukraine (via LeftEast): „[…] when we hear on the news that ‘Ukraine is fighting a European war’ and ‘Ukraine is defending Europe’, amid images of fleeing ‘poor white’ women with children prioritized over racialized ‘Others’, ‘Ukraine’ is being made ‘white’ in the global imaginary. That is, „the injunction to ‘return to Europe’ by way of Europeanization is enabled and conditioned on the mythologies of Western civilization, and that Europeanization at once marks (promulgates) and unmarks (naturalizes) racial whiteness” [Nadezhda Husakouskaya and Randi Gressgård]. The paradox is that Europe’s existence as such has only been possible precisely because of the exploitation of global working peoples through expropriation of resources and today neoliberal economic reforms and reproduced by feminized labour.“

Vasyl Cherepanyn about the „inertness, hiding behind the European Wall“ (via L’Internationale): „Many Western institutions that have been claiming ‚radical political engagement‘ for years, have simply resorted to a white cube radicalism and self-satisfying humanitarianism, too afraid of acting politically beyond their comfort zone and unsettling their publics and authorities by attempting to affect the decision-making process regarding the Ukrainian cause.“

28.05.2022

Tatsiana Shchurko on the War in Ukraine, Entangled Imperialisms, and Transnational Feminist Solidarity, via LeftEast (May 2, 2022): „[An] uneven knowledge production and the many implications of the war against Ukraine reveal the dire need to develop a feminist anti-capitalist critique of multiple imperialisms. This language should grow from within the occupied and suppressed communities of Eastern Europe and Eurasia. An anti-imperialist and anti-capitalist feminist positionality grasps that the local is part of a global in an effort to build transnational connections of mutual aid and support against state and corporate violence. For example, statements of solidarity with Ukraine expressed by the International Committee of Indigenous Peoples of Russia and Native American communities along with the anti-war feminist march in Bishkek (Kyrgyzstan) on March 8, 2022, pointing out that the war in Ukraine should be of concern for a broad transnational community, may serve as instrumental examples of alternative anti-capitalist and anti-imperialist solidarities that stretch beyond state regulations and macro-politics and foreground decolonial perspectives, necessary in addressing entanglements of multiple imperialisms. Such solidarities also bring to light hidden interconnections of the past that allowed for distant communities to survive and support each other against the violence of imperialist intervention and its attendant capitalist exploitation. Thus, the march in Bishkek reminds of the socialist roots of the International Women’s Day to call for internationalist, intersectional, class solidarity against imperialism and militarism.“

Vasyl Cherepanyn on that „It’ll take more than tanks to ease Germany’s guilt“ (via Politico): „Since the Soviet Union’s collapse, Germany has been imposing neocolonial optics on its Eastern European ‚peripheries,‘ and on the post-Soviet space in particular, where Ukraine was long considered a gray buffer zone about which the EU was ‚deeply concerned.‘ Germany didn’t bother itself much with differentiating between former Soviet countries’ pasts. Even until recently, any Ukrainian agenda in Germany was often ‚balanced‘ with a Russian perspective, so as to not exclude the latter by any means.“

An unnamed anarchist and art scholar, who joined the Territorial Defense Forces, quoted by Olexii Kuchanskyi in an essay on „Digital Leviathan and His Nuclear Tail“ (via Your Art and e-flux notes): „At dawn, Dima and I talked about cinema. Dima believes that cinema is inferior to literature as a means of expression because you spend much more time with a book than a film. It’s a really interesting point, something to dig into. I studied at the department of art theory & history and I never thought of it. Dima served in the military after school and worked at the factory all his life. He listens to rap, smokes pot, and tries to have fun. He is thirty-eight, his child was born last year. He likes Wong Kar-wai and is a fan of Asian cinema in general. Dima communicates by quoting Omar Khayyam, Confucius, and other awesome guys.“

20.04.2022

Vasyl Cherepanyn (Visual Culture Research Centre, Kyiv) on Putin’s “World War Z” and the West’s deadly “foot-dragging”, via Project Syndicate: “The main feature of this Western condition is constant belatedness. The West has always been too late, incapable of acting ahead and instead just reacting to what has already happened. As a Ukrainian joke went at the time, ‘While the European Union was taking a decision, Russia took Crimea.’ Then as now, Ukrainians wondered, ‘What is the West’s red line? What will compel the West to act instead of waiting and discussing when to intervene?’”

Barbara Wurm on Lithuanian director Mantas Kvedaravičius, killed in Mariupol, via Die Welt: “Kvedaravičius unfolded a whole spectrum of visual anthropology over a decade with only three films [Barzakh, Mariupolis, Parthenon]. It now awaits evaluation and exploration. The time will come. The films themselves make possible an infinite immersion in the matter of the world, between dream and reality, horror and everyday life, facts and phenomenal imagology.”

05.04.2022
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