Rück-Beziehungen (Journal of Visual Culture & HaFI, 12)

Dies ist die zwölfte Ausgabe einer Zusammenarbeit zwischen dem Journal of Visual Culture und dem Harun-Farocki-Institut, die durch die COVID-19-Krise ausgelöst wurde. Der Call, der an die Redaktion des JVC und die internationalen Autor*innen von JVC ging (eine Gruppe, die im Prozess wachsen wird), enthielt unter anderem folgenden Absatz : „Es gibt eine Menge spontaner, ad hoc-Meinungsbildung und verfrühter Kommentare, wie zu erwarten war. Die in dieser Situation zu verfolgende Ethik und Politik der künstlerischen und theoretischen Praxis sollte uns jedoch darauf verpflichten, vorsichtig zu bleiben und mit Vorsicht in die Diskussion einzugreifen. Wie eine der Redakteurinnen von JVC, Brooke Belisle, erklärt: ‚Wir suchen nicht nach Sensationsmeldungen, sondern vielmehr nach Momenten der Reflexion, die Verbindungen zwischen dem, was jetzt geschieht, und den größeren intellektuellen Kontexten, die unsere Leser*innen teilen, herstellen; kleine, handliche Methoden und Verfahren  anbieten, um nachzudenken, und auf Werkzeuge, die wir haben, und auf Dinge, die wir kennen, zurückzugreifen, anstatt uns einfach nur betäubt und überfordert zu fühlen; helfen, als intellektuelle Gemeinschaft füreinander da zu sein, während wir isoliert sind; die Arbeit daran nachzudenken zu unterstützen und zu versuchen, einen Sinn zu finden/machen…, was immer auch ein kollektives Unterfangen ist, auch wenn wir gezwungen sind, getrennt zu sein.'“ TH

 

Rück-Beziehungen

Von Andrea Luka Zimmerman

 

 

Einige haben derart viele Lebensmittel gekauft, dass andere es nicht konnten.

Werde ich genug zu essen bekommen? Ich würde lieber gar nichts essen als nur ein bisschen. Meine Mutter hat immer Dosenfleisch mit Pilzkonserven und Reis aus der Dose gemacht, wenn sie konnte. Manchmal lockt mich der Geruch des Futters meines Hundes. Bis weit in meine 30er Jahre habe ich mich an unerwarteten Orten ernährt. Ich wusste, wo ich suchen musste, und ich war damit nicht allein. Am Tag vor der Abriegelung erzählte mir ein Freund von dem Schulmädchen, das er gerade bei Lidl gesehen hatte, wie es sich kalte Pizza in den Mund schob, und wie er, um sie zu beschützen, die Sichtlinie des Wachmanns blockierte, der sich ihm langsam zuwandte. Aber stattdessen sagte er nur: „Keine Sorge, sie kommt oft hierher, ich beobachte sie, damit sie von niemandem gestört wird“. Das ist Für-Sorge. Das ist Wissen, von denen, die es wissen.

Als Gesellschaft, die irgendwie keiner anderen ähnelt, stellt sich die Frage: Was bedeutet es, über das Leben anderer nachzudenken?

 

Der Eisenzaun wird, während ihn der Baum aufnimmt, mit der Zeit den Kern stärker machen als es das Holz allein könnte.

 

Andrea Luka Zimmerman: Ich bin Künstlerin und Filmemacherin. In meiner Arbeit geht es um Marginalisierung, soziale Gerechtigkeit und die Suche nach radikalisierten Beziehungen, zwischen Menschen, Orten, Ökologien. Ich bin Dozentin an Central Saint Martins.  www.fugitiveimages.org.uk

 

04.05.2020, 02 / Rosa Mercedes
Schnittstelle

David Graeber (1961-2020) on What Would It Take (from his The Democracy Project. A History, a Crisis, a Movement, 2013, p. 193): „We have little idea what sort of organizations, or for that matter, technologies, would emerge if free people were unfettered to use their imagination to actually solve collective problems rather than to make them worse. But the primary question is: how do we even get there? What would it take to allow our political and economic systems to become a mode of collective problem solving rather than, as they are now, a mode of collective war?“

07.09.2020, Tom

T.J. Demos on why cultural practitioners should never surrender, via tranzit.sk:  „For artists, writers, and curators, as art historians and teachers, the meaning-production of an artwork is never finished, never fully appropriated and coopted, in my view, and we should never surrender it; the battle over significance is ongoing. We see that battle rise up in relation to racist and colonial monuments these days in the US, the UK, and South Africa. While the destruction of such monuments results from and is enabling of radical politics, it’s still not enough until the larger institutions that support and maintain their existence as well as the continuation of the politics they represent are also torn down. This is urgent as well in the cultural sphere, including the arts institutions, universities, art markets, discursive sphere of magazines and journals, all in thrall to neoliberalism, where we must recognize that it’s ultimately inadequate to simply inject critical or radical content into these frameworks, which we know excel at incorporating those anti-extractivist expressions into further forms of cultural capital and wealth accumulation. What’s required is more of the building of nonprofit and community-based institutions, organizing radical political horizons and solidarity between social formations.“

21.08.2020, Tom

Bernard Stiegler, quoted from The Neganthropocene (trans. Daniel Ross): „Does anyone really believe that it is possible to ‘solve’ the problems of climate change, habitat destruction and cultural destruction without addressing the consumerist basis of the present macro-economic system, or vice versa, or without addressing the way in which this system depletes the psychic energy required to find the collective will, belief, hope and reason to address this planetary challenge? Can this consumerism really survive the coming wave of automation that threatens to decimate its customer base and undermine the ‘consumer confidence’ that is fundamental to its perpetual growth requirements, themselves antithetical, once again, to the problems of biospherical preservation?“

14.08.2020, Tom
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