Auf Sicht Fahren vs Das Licht Sehen

Der griechische Premierminister Alexis Tsipras, der italienische Premierminister Matteo Renzi und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel während des Gipfeltreffens der europäischen Staats- und Regierungschefs am 25. Juni 2015 am Sitz des EU-Rates in Brüssel, Belgien (EPA, Olivier Hoslet)

 

 

Unter Bezugnahme auf ihre Methode im Umgang mit der griechischen Wirtschaft im Juni 2015 verwendete Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Formulierung, die schnell zu einer der Redewendungen werden sollte, ihr Temperament als Regierungschefin zu charakterisieren: „Man muss auf Sicht fahren.“

Die Metapher erinnert an eine Fahrt durch nebliges Wetter, bei der sich die Fahrerin gezwungen sieht, allein auf ihr Sehvermögen zu vertrauen, statt auf ein etwaiges computerisiertes Assistenzsystem. Genauer gesagt erinnert das Fahren auf Sicht an das manuelle Lenken eines Zuges, eines Fahrens, „das mit einer Geschwindigkeit erfolgt, die es dem Fahrer erlaubt, den Zug anzuhalten, bevor er ein Hindernis auf der Strecke erreicht“ (International Electrotechnical Commission).

Im Sommer 2015 war der fragliche Nebel die Situation in Griechenland (vom Fahrersitz der stärksten Wirtschaftsmacht Europas aus betrachtet, imstande und ermächtigt, die Bedingungen einer katastrophalen Schuldenwirtschaft zu diktieren, die auf den Prinzipien der von der Troika auferlegten Austeritätsmaßnahmen beruht), und einige Wochen später die „Flüchtlingskrise“.

Jetzt, seit Februar 2020, ist die gleiche Metapher wieder in Gebrauch, diesmal (mehr von den Medien als von der Kanzlerin selbst) eingesetzt, um die Art und Weise zu beschreiben, wie die Regierung Merkel die Coronavirus-Krise (falsch) managt. Im Verlauf der Zeit ist das „Fahren auf Sicht“ zu einer zunehmend ambivalenten Formel geworden. Die Befürworter einer Haltung der Geduld und Besonnenheit begrüßen das Fehlen jeglicher langfristiger Planung, auf die in der Formulierung angespielt wird. Die Kritiker von Merkels zögerlich-abwartender Regierungsstil spielen dagegen die negativen Konnotationen der Metapher aus.

 

Carl von Clausewitz (1780 -1831)

Da „Fahren auf Sicht“ ein Geschwisterchen des „Blindflugs“ ist, neigt man dazu, die beiden als Synonyme zu behandeln. Ähnlich spricht ein Artikel in der Online-Zeitschrift Telepolis mit Bezug auf das Handeln der deutschen Regierung vom „Blindflug durch die Pandemie„. In vergleichbarer Weise beschwört Derek Thompson in The Atlantic „den Nebel der Pandemie“, wobei er sich auf die alten Metaphern der „Friktion“ und des „Nebels des Krieges“ des preußischen Militärtheoretikers Carl von Clausewitz beruft.

 

Battlefield 1, 2016, Electronic Arts

Anders als Trump oder Macron ist Merkel darum bemüht, nicht auf eine (männliche) Kriegsrhetorik zurückzugreifen oder sich auch nur in Clausewitzsche Tropen wie die des „Nebels“ zu retten. Andererseits ist „Fahren auf Sicht“ in einer Pandemie eine Methode, die bei jemandem wie Clausewitz, der kein typischer militaristischer Macho war, hätte abgeschaut werden können. Wie der Historiker (und Dirigent) Lars Straehler-Pohl erklärt: „Krieg ist immer auch von Unvorhergesehenem geprägt. Clausewitz als Generalmajor mit konkreter Kriegserfahrung nennt diese unplanbaren Einflussgrößen Friktion. Vieles sehen die Kombattanten durch einen Nebel, vieles müssen sie vorausahnen, abschätzen und Handlungen schrittweise, gleichzeitig aber zügig auf die konkrete Situation anpassen. Dieses Vorgehen hat Parallelen zur Corona-Bekämpfung im Zusammenspiel von medizinischer Forschung, relevanten Fachdisziplinen, Politik und gesamtgesellschaftlichen Verhalten. Wache Beobachtung und schnelle Handlungskorrektur sind aber immer Bestandteil komplexer Aufgabenstellungen.“

Bedacht werden sollte freilich, dass Clausewitz in seiner posthum veröffentlichten Abhandlung Vom Kriege (1832-34) den Ausdruck „Nebel des Krieges“ gar nicht wortwörtlich verwendet hat (dieser hatte seine Premiere in einem Text eines anderen, weniger bekannten Militärexperten aus dem Jahr 1896). Vielmehr formulierte Clausewitz es so wie folgt: „Der Krieg ist das Gebiet der Ungewißheit; drei Vierteile derjenigen Dinge, worauf das Handeln im Kriege gebaut wird, liegen im Nebel einer mehr oder weniger großen Ungewißheit. Hier ist es auch zuerst, wo ein feiner, durchdringender Verstand in Anspruch genommen wird, um mit dem Takte seines Urteils die Wahrheit herauszufühlen. Es mag ein gewöhnlicher Verstand diese Wahrheit einmal durch Zufall treffen, ein ungewöhnlicher Mut mag das Verfehlen ein andermal ausgleichen, aber die Mehrheit der Fälle, der Durchschnittserfolg, wird den fehlenden Verstand immer an den Tag bringen.“

Der Umgang mit der Ungewissheit und dem Unvorhersehbaren, so macht Clausewitz sehr deutlich, ist eine Frage des Verstandes und der Vernunft, aber noch mehr die einer besonderen Sensibilität dafür, die Wahrheit „herauszufühlen“. Doch in einer Zeit, in der selbst „schwarze Schwäne“ oder unvorhersehbare Krisen nicht mehr durch „rasches, kluges und koordiniertes Handeln“ oder durch „wendiges, flexibles, innovatives, unbezähmbares und mutiges“ Handeln gemildert werden können, verlangt „True Chaos Leadership“, wie die Unternehmensberaterin Davia Temin in Forbes argumentiert, eine radikal andere Herangehensweise als die von gewöhnlicher (womöglich zudem übermäßig narzisstischer) politischer Machtausübung:

„Im Chaos geht die Kausalität verloren, Strategie und Führung funktionieren nicht mehr so gut, und wir sind machtlos. Und genau da sind wir jetzt fast. So viele unterschiedliche Schwarze-Schwan-Krisen (Pandemie, Finanzkrise, Massenentlassungen, explodierende Arbeitslosigkeit, unglaubwürdige Führer, Fehlinformationen überall) prallen aufeinander und bilden eine klebrige, ununterscheidbare Masse. Es ist nicht mehr ganz so klar, wie man das alles in Ordnung bringen könnte. Da die Führung auf nationaler Ebene so gut wie aufgegeben ist, die Regeln des Krisenmanagements ignoriert werden und überall Fehlinformationen zirkulieren, ist es nicht mehr sicher, dass sie funktionieren würde, selbst wenn wir jetzt logische Lösungen finden könnten.“

Temin rät dazu, Vertrauen in eine Führung zu setzen, die sowohl über Alpha-Voluntarismus als auch über rein rationales Verhalten hinausgeht: „Unser eigener moralischer Kompass muss uns leiten. […] Der rechtweisende Norden wird zu einem Gefühl der Integrität, der Moral, des Mut und der Menschlichkeit. Dieser Leuchtturm preist Freundlichkeit und Mitgefühl und lehnt Narzissmus, Geschäftemacherei, Drama, Lügner und Feigheit ab. Er stellt die Menschen an die erste Stelle, ohne die Systeme und Unternehmen zu zerstören, die uns immer unterstützt haben und wieder unterstützen werden. […] Wahre Chaos-Führung beruht auf einem inneren Sinn für Moral und Orientierung angesichts des totalen Pandämoniums“.

 

 

Im symptomatischen Widerspruch zu der vergleichsweise vorsichtigen Führung, die in letzter Zeit von politischen Führerinnen wie Merkel, Jacinda Ardern (Neuseeland) oder Sanna Marin (Finnland) an den Tag gelegt wurde, wird das „in Sichtweite fahren“ gelegentlich durch die wahnhafte „Licht am Ende des Tunnels“-Metapher ersetzt, die etwa Donald Trump (im Tweet und live) am 24. März vorgebracht wurde: „Ich bin sehr stolz, Euer Präsident zu sein, das kann ich Euch sagen. Es besteht große Hoffnung, wenn wir nach vorne schauen und Licht am Ende des Tunnels sehen“.

James Farrows, ein ehemaliger Redenschreiber im Weißen Haus, erinnert uns und Trump, wieder in der hilfreichen Zeitschrift The Atlantic, an die historische Semantik des Satzes „Licht am Ende des Tunnels“: „In [Trumps] Teenagerjahren und als er Anfang 20 war, als Hunderttausende seiner Zeitgenossen zum Dienst in Vietnam eingezogen wurden und als mehr als 50.000 von ihnen getötet wurden, gehörten diese Worte zu den berüchtigtsten Einträgen im amerikanischen Lexikon. So wie ‚es wurde notwendig, die Stadt zu zerstören, um sie zu retten‘ – eine möglicherweise apokryphe Formulierung, die einem US-Militäroffizier über die Politik der verbrannten Erde zugeschrieben wird – wurde ‚Licht am Ende des Tunnels‘ zum Symbol für die anhaltende Torheit des Krieges im Allgemeinen und die Illusion, dass der Erfolg kurz bevor stehe. […]“

 

William Westmoreland (1914-2005), Befehlshaber der US-Streitkräfte während des Vietnamkriegs von 1964 bis 1968 und Stabschef der US-Armee von 1968 bis 1972

„Während und nach dem Vietnamkrieg wurde ‚Licht am Ende des Tunnels‘ so vertraut und polarisierend, dass sich eine der meistpublizierten Verleumdungsklagen der Ära, in der der Viersternegeneral William Westmoreland CBS News auf 120 Millionen Dollar verklagte, auf genau diese Worte konzentrierte. Wie die New York Times 1984 während des Prozesses berichtete: „General William C. Westmoreland und ein Anwalt von CBS stritten gestern über einen der denkwürdigsten Ausdrücke des Vietnamkrieges, wobei der Anwalt behauptete, der General habe Washington zu der Annahme verleitet, es habe 1967 ‚Licht am Ende des Tunnels‘ gegeben, und der General sagte, er habe diesen Ausdruck nicht verwendet. Ich hatte nie ein solches Maß an Optimismus“, sagte General Westmoreland den Geschworenen bei seinem Verleumdungsprozess gegen CBS vor dem Bundesgericht in Manhattan. Aber der Anwalt, David Boies, zeigte dem Zeugen ein Telegramm vom 26. November 1967, das er während eines Besuchs in Washington an seinen Stellvertreter in Saigon, General Creighton W. Abrams, geschickt hatte und in dem der Satz ‚etwas Licht am Ende des Tunnels‘ in Anführungszeichen gesetzt war.“

Auf den Nebel zu starren (während man auf Sicht fährt) und in den Tunnel zu blicken (das Licht am Ende des Tunnels zu suchen) sind verschiedene Arten des Schauens. Sie konstruieren auch das Erscheinungsbild von Dingen und Situationen unterschiedlich. Der Optimismus der letzteren mag nicht ganz in der Zögerlichkeit der ersteren fehlen, aber wenn man die Zögerlichkeit der ersteren abtut, wird der Optimismus der letzteren gefährlich. Mit anderen Worten, der Nebel im Tunnel muss zur Kenntnis genommen und darf nicht ignoriert werden.

Nebel und Anti-Nebel-Maßnahmen können jedoch in unerwarteter Form auftreten. Hier sind zwei Beispiele, um diesen Eintrag abzuschließen:

 

In late February 2020, the Philadelphia branch of NBC reported on Halosil, a local company in New Castle, Delaware, that produces the Halo Fog Disinfectant System, supposed to be playing a role in fighting the coronavirus;

 

Ende Februar 2020 berichtete das NBC-Lokalprogramm in Philadelphia über Halosil, ein lokales Unternehmen in New Castle, Delaware. Die Firma stellts eine Nebel-Desinfektionsmaschine her, die im Kampf gegen das Coronavirus eine Rolle spielen sollte (ob sie es tatsächlich tut, wäre zu überprüfen …);

im April 2020 hat sich Armasan Ambalaj, ein Verpackungsunternehmen mit Sitz in der nordwestlichen türkischen Provinz Tekirdağ, auf die Produktion von Anti-Beschlag-Gesichtsschutzschilden umgestellt, die die Auswirkungen der ausgeatmeten Feuchtigkeit reduzieren sollen; das Unternehmen stellt nun 20.000 Einheiten pro Tag her, um so einen Artikel anbieten zu können, der „für das medizinische Frontpersonal, das COVID-19-Patienten behandelt und die Schutzschilde stundenlang nonstop trägt“, von entscheidender Bedeutung sein soll (auch hier wäre der tatsächliche Erfolg und die Einsatzhäufigkeit zu recherchieren). TH

 

23.04.2020, 02 / Rosa Mercedes
Schnittstelle

David Graeber (1961-2020) on What Would It Take (from his The Democracy Project. A History, a Crisis, a Movement, 2013, p. 193): „We have little idea what sort of organizations, or for that matter, technologies, would emerge if free people were unfettered to use their imagination to actually solve collective problems rather than to make them worse. But the primary question is: how do we even get there? What would it take to allow our political and economic systems to become a mode of collective problem solving rather than, as they are now, a mode of collective war?“

07.09.2020, Tom

T.J. Demos on why cultural practitioners should never surrender, via tranzit.sk:  „For artists, writers, and curators, as art historians and teachers, the meaning-production of an artwork is never finished, never fully appropriated and coopted, in my view, and we should never surrender it; the battle over significance is ongoing. We see that battle rise up in relation to racist and colonial monuments these days in the US, the UK, and South Africa. While the destruction of such monuments results from and is enabling of radical politics, it’s still not enough until the larger institutions that support and maintain their existence as well as the continuation of the politics they represent are also torn down. This is urgent as well in the cultural sphere, including the arts institutions, universities, art markets, discursive sphere of magazines and journals, all in thrall to neoliberalism, where we must recognize that it’s ultimately inadequate to simply inject critical or radical content into these frameworks, which we know excel at incorporating those anti-extractivist expressions into further forms of cultural capital and wealth accumulation. What’s required is more of the building of nonprofit and community-based institutions, organizing radical political horizons and solidarity between social formations.“

21.08.2020, Tom

Bernard Stiegler, quoted from The Neganthropocene (trans. Daniel Ross): „Does anyone really believe that it is possible to ‘solve’ the problems of climate change, habitat destruction and cultural destruction without addressing the consumerist basis of the present macro-economic system, or vice versa, or without addressing the way in which this system depletes the psychic energy required to find the collective will, belief, hope and reason to address this planetary challenge? Can this consumerism really survive the coming wave of automation that threatens to decimate its customer base and undermine the ‘consumer confidence’ that is fundamental to its perpetual growth requirements, themselves antithetical, once again, to the problems of biospherical preservation?“

14.08.2020, Tom
mehrweniger Kurznews