Beruhigend? Regressiv? ASMR und das Neue Normal

ASMR Darling, ASMR Testing You For Corona Virus (Raising Awareness and Debunking Myths!), 9. März 2020

Im Zuge der Befriedigung der Nachfrage nach Non-Stop-Berichterstattung über die Krise vervielfältigt sich permanent die Zahl derjenigen Phänomene, die als relevant, bezeichnend oder symptomatisch für die Ausbreitung der Pandemie angesehen werden. Und während der allgemeine Wettbewerb um Aufmerksamkeit (zu dem dieses kleine Kritik-Unternehmen wohl ebenfalls gehört) eskaliert, stellt sich immer häufiger ein Zustand des Stumpfsinns ein.

Einer der neuen „Aspekte“ der Coronoavirus-Krise, der mein Verständnis übersteigt und mir ein Gefühl der völligen Ahnungslosigkeit beschert, wurde vor zwei Wochen von Alexandra Schwartz im New Yorker auf diesen Bildschirm gebracht. Schwartz schreibt über Online-Performances und die Performativität des Lockdown und beschäftigt sich ausführlich mit der jüngsten Flut von Gummihandschuhen, Gesichtsmasken und medizinischer Ausrüstung in sogenannten in ASMR-Videos, einem YouTube-Phänomen, das sich um ein bestimmtes Verhältnis von Bild (eine Influencerin spielt mit einer Vielzahl von Materialien und Texturen in Nahaufnahme herum) und Ton (die Qualität des Flüsterns der jeweiligen Präsentatorin; die eingesetzten Mikrofone, die eigentlichen Stars dieser Clips) organisiert.

Auf breiterer Ebene tauchte ASMR in den frühen 2010er Jahren auf. Der Höhepunkt dürfte vor etwa zwei Jahren erreicht worden sein. Jetzt ist sie zurückgekehrt (obwohl sie nie wirklich weg war) und verspricht in Zeiten der Isolation und Angst Ruhe und sinnlich-zerebralen Trost. Da Schwartz das Phänomen sehr gut erklärt, möchte ich sie etwas ausführlicher zitieren:

“ […] ASMR ist die Bezeichnung für eine körperliche Empfindung, ohne bekannte neurologische Ursache, des sanften und durchdringenden Wohlbehagens. Der Name, eine Abkürzung für „autonome sensorische Meridianreaktion“, deutet eine wissenschaftliche Autorität an, die bisher aber noch unbegründet ist. […] Eine Möglichkeit, ASMR zu beschreiben, ist als eine Art anhaltendes Kribbeln, das in der Kopfhaut beginnt und sich auf den Rücken und die Gliedmaßen ausbreitet, ein bisschen wie das Kribbeln, das zu einem Niesen führt. Es ist, als ob eine winzige Hand durch den Gehörgang gegriffen hätte, um die Oberfläche des Gehirns geschickt und zärtlich mit einer Feder zu streicheln. Die Schultern entspannen sich, der Kiefer lockert sich. Das Gefühl wird durch bestimmte Reize oder, in der Sprache der großen Internet-Subkultur von Menschen, die Videos drehen, um bei anderen eine ASMR-Reaktion hervorzurufen, ‚ausgelöst‘ [triggered]. Der Klang von Flüstern und einer leisen, ruhigen Stimme sind beliebte Auslöser, ebenso wie ‚Mundgeräusche‘: das leichte Schmatzen beim Lippenscheiden, das Klacken eines harten Konsonanten, aus dem hinteren Teil des Rachens kommend, das Gleiten der Zunge am Gaumen entlang. Hunderte von ASMR-Videos auf YouTube zeigen Frauen, wie sie mit langen, manikürten Nägeln gegen Arbeitsplatten und Schminktaschen und die Einbände von gebundenen Büchern klopfen und an diesen kratzen. Es gibt Videos, in denen Papier gekräuselt wird, und Videos, in denen Frauen (in der Regel, aber nicht immer, Frauen; das Genre hat eine Vorliebe für einen mütterlichen, nährenden Ton) Luftpolsterfolie leise knallen lassen oder ihre Finger in mit Knöpfen oder M&Ms gefüllte Schalen tauchen oder die Teile eines Puzzles verstreuen und streichen. Ich habe jemandem zugehört, der langsam flüsternd auf Deutsch von eins bis hundert gezählt hat, aus keinem anderen Grund, als dass es damals beruhigend wirkte. […] Es kann alles ein bisschen Harem-haft werden. Klick und klick und klick und klick; eine Flüsterkammer führt in eine andere, und eine andere, und wieder eine andere, das Internet verwandelte sich in einen Lustpalast, den Frauen füreinander gemacht haben. Die Frauen von ASMR sehen sich selbst als Betreuerinnen, als inoffizielle Spenderinnen geistiger Gesundheit für ihre Zuschauerinnen, und so verrückt das auch zu sein scheint, sie haben nicht ganz Unrecht. […] Digitale Rollenspiele, die im ASMR-Land vorherrschen, erfordern die Implikation eines Dialogs zwischen der ASMRtistin und Ihnen, der Person, die im Salon, im Schuhgeschäft oder in welcher medizinischen Praxis auch immer besucht wird, um eine Ohrreinigung oder eine Behandlung zu erfahren, die bei ASMRtist*innen beliebt ist und die, ziemlich unheimlich, ‚eine Untersuchung der Hirnnerven‘ genannt wird. […] Eine Form, die darauf abzielt, Ängste zu lindern und den Geist zu beruhigen, körperliche Empfindungen ohne Berührung zu übertragen, scheint wie geschaffen für unseren beängstigenden, berührungslosen Moment. […] Ich werde gerade von ASMR Darling ‚untersucht‘, einer ASMRtistin mit fast zweieinhalb Millionen Abonnenten. Sie trägt einen Laborkittel und eine Gesichtsmaske und sagt in einem möglichst sanften Ton, dass sie im Begriff ist, einen Nasenabstrich zu machen, um auf das Virus zu testen. Das ist beängstigend und beruhigend zugleich. In der Welt, die sie geschaffen hat, können wir alle die Pflege bekommen, die wir brauchen.“

Etwas weiter geklickt in der Verlagswelt von Condé Nast stößt man auf einen Wired-Artikel über ASMR, der einen anderen, etwas funktionelleren Ansatz verfolgt. Der Autor lobt die Wirksamkeit der Videos, indem sie Menschen in Quarantäne durch die Ablenkung und den Trost, den sie angeblich bieten und so die Not lindern, helfen: „Dieses Gefühl der Zerstreuung gepaart mit Trost bedeutet, dass ASMR ‚für diese Zeiten einzigartig geeignet sein könnte‘, sagt Greg Siegel, Direktor des Programms für kognitiv-affektive Neurowissenschaften an der Universität von Pittsburgh. Darüber hinaus […] zeigen diejenigen, die eine ASMR-Reaktion erfahren, eine verringerte Herzfrequenz und einen erhöhten Hautleitwert, Indikatoren dafür, dass die gefühlte Emotion und Intimität auf einer echten physiologischen Reaktion beruhen. Das ist wichtig, denn für viele gibt es keine körperliche Intimität mehr ohne immenses Risiko. […] Wenn Menschen sich nicht berühren oder nicht berührt werden können, eskaliert die Bedrohungsreaktion ihres Gehirns mit alarmierender Geschwindigkeit. Körperliche und soziale Verbundenheit bilden die Bremsen, die benötigt werden, um die Achterbahnfahrt zu verlangsamen. Für diejenigen, die das nicht haben, kann ASMR die Lücke füllen“.

Offenbar ist es bei alldem wichtig, jeden Verdacht zu zerstreuen, dass ASMR nur eine Art niederer (oder höherer) Pornografie sein könnte, denn es handelt sich bei dem, was mit ASMR ausgelöst werden soll, nicht um „sexuelle Erregung“, sondern um etwas mehr kraniales, mehr hirnbezogenes.

Allerdings, wenn hier schon von Gehirn und Zerebralität die Rede ist, dann ist die Empfehlung von ASMR als quasi-medizinisches Palliativum, das Linderung von Panik und Depressionen bietet, offensichtlich so weit von jeder Vorstellung eines kritischen Diskurses entfernt, wie man sich nur denken kann.

 

Die Rückbesinnung auf die Art von sedierten, am Bildschirm klebenden Kreaturen, die Trost darin finden, Bob Ross (einem der „zufälligen Pioniere von ASMR“) während eines ganztägigen „Joy of Painting“-Marathons zuzuschauen (und zuzuhören!), hatte mal eine, wenn auch leicht gruselige, nerdhumorige Seite. Mit der Pandemie, die ein Umfeld universeller Angst erzeugt, könnte die Ersetzung intellektueller Arbeit durch „Kopf-Orgasmen“ jedoch vielen Leuten völlig plausibel und legitim vorkommen.

 

Cardi B, Cardi B Explores #ASMR | W Magazine, 22. Oktober 2018

Eines der beliebtesten ASMR-Videos ist das der Sängerin Cardi B. Es wurde im Oktober 2018 hochgeladen und seither fast 37 Millionen Mal angeklickt. Cardi B hat damit in erster Linie für ihre neue Schallplatte geworben, aber zugleich demonstriert, wie die Protokolle des ASMR-Genres noch effektiver bearbeitet werden können als von vielen der hauptamtlichen ASMRtist*innen, die die aktuelle Rangliste anführen, wie zum Beispiel Gibi (weiter unten).  Sicher, Cardi B war eine Berühmtheit, bevor sie in die ASMR-Welt eintrat (die übrigens in hohem Maße von der K-Pop-Stilistik beeinflusst ist), aber sie kopierte auch einfach auf sehr unbefangen-unverfrorene Weise Gibis Gebrauch von gleich zwei Mikrofonen.

Das sind die Art von monumentalen Manövern, die der enggesteckte methodische Spielraum des Genres erlaubt. Da Intimität immer formelhafter und monetärer wird (Gwyneth Paltrows Goop-Venture mag hier als ein typisches ASMR-freundliches Geschäft angeführt werden), müssen Fragen über die Aktualisierung der Funktion und des Status von Intimität als sozialpsychologisches Dilemma gestellt werden. Sie erscheinen besonders notwendig, bedenkt man, dass sich die Bedingungen der körperlichen Nähe und Berührung so abrupt und wahrscheinlich für alle Zeiten verändert haben.

Es ist leicht, ASMR als eine niedere Version von Achtsamkeit abzutun, als einen Nullpunkt der Kognition, vergleichbar dem Flüstern und Gemurmel von ähnlich formelhaftem Emo-Rap, K-Pop, Vapor Soul usw., und im Dialog mit den selbstzerstörerischen, wenn nicht suizidalen Tendenzen, die diese (Jugend-)Kulturen charakterisieren. Die unverblümte Ablehnung kritischen Denkens und der Kult der sterbenden Stimme minimieren jedenfalls die Optionen radikal, intellektuell und anderweitig.

ASMR-Videos vermitteln eine luxuriöse durch aurale Berührungen hervorgerufene jouissance, sie erläutern damit auch den Wert(igkeits)anspruch von Produkten, kommentieren deren Oberflächenqualitäten, und beuten jetzt, im Kontext der Pandemie und ihrer medizinischen Grenzsituationen, fetischistisch die Optik und Haptik von Intensivstationen aus. Ja, sie sind in der Tat „beängstigend und beruhigend zugleich“. Sie künden von einer zombiehaften Zukunft, in der das Sterben (zunächst der kritischen Ratioanlität) in aller Sanftheit zelebriert wird. Sie schließen Dich ein in der exzessiv-paradoxen Nähe, die ihr kitzelndes Berühren, Schauen, Flüstern aus der Distanz suggeriert. TH

 

Gibi ASMR, [ASMR] Intense Ear Attention & Mouth Sounds (Tktktk, Clicking, Shooooop), 15. September 2018

 


19.04.2020 — Rosa Mercedes / 02
Schnittstelle

Am Freitag, den 6. April 2021, um 20 Uhr veranstaltet die Akademie Schloss Solitude eine Zoom-Veranstaltung mit der ehemaligen HaFI-Residency Stipendiatin Shirin Barghnavard über ihren Film „Invisible“ (2017). Moderiert von Doreen Mende. Zur Registrierung hier.

14.04.2021

In der Zeitschrift MONOPOL gibt es aktuell ein Interview mit Shirin Barghnavard über ihren Film „Invisible“, den sie 2017 während ihrer HaFI-Residency konzipiert und gedreht hat.

14.04.2021

auf Hyperallergic über die Umweltbelastung durch Kryptowährungen aus Anlass jüngster Auktionen von NFT (non-fungible token)-Kunst: „This is not the first time the art world has come under scrutiny for being on the wrong side of the climate conversation. Artists and activists have protested everything from the carbon footprint of physical art fairs to the fossil fuel money funding major museums. But some say the energy consumption of cryptocurrencies is particularly egregious, and research shows it’s relatively easily quantifiable. A study by Cambridge University, for instance, estimates that bitcoin uses more electricity per year than the entire nation of Argentina. (Ethereum mining consumes a quarter to half of what Bitcoin mining does, but one transaction uses more power than an average US household in a day, according to the Institute of Electrical and Electronics Engineers.)“

 

Nicholas Mirzoeff on “Artificial vision, white space and racial surveillance capitalism”: “Based as it is on ‘epidermalization’ (the assertion of absolute difference based on relative differences in skin color), AI’s racial surveillance deploys an all-too-familiar racialized way of seeing operating at plan-etary scale. It is the plantation future we are now living in. All such operations take place in and via the new imagined white space of technology known as the cloud. In reality, a very material arrangement of servers and cables, the cloud is both an engine of high-return low-employment capitalism and one of the prime drivers of carbon emissions.”

 

Sara Ahmed on the performativity of disgust (from The Cultural Politics of Emotion, 2004): “To name something as disgusting is to transfer the stickiness of the word ‘disgust’ to an object, which henceforth becomes generated as the very thing that is spoken. The relationship between the stickiness of the sign and the stickiness of the object is crucial to the performativity of disgust as well as the apparent resistance of disgust reactions to ‘newness’ in terms of the generation of different kinds of objects. The object that is generated as a disgusting (bad) object through the speech act comes to stick. It becomes sticky and acquires a fetish quality, which then engenders its own effects.”

07.11.2020
mehrweniger Kurznews