Videostreams – die Verbindung von Pandemie und Klimakrise (Journal of Visual Culture & HaFI, 2)

Dies ist die zweite Ausgabe einer Zusammenarbeit zwischen dem Journal of Visual Culture und dem Harun-Farocki-Institut, die durch die COVID-19-Krise ausgelöst wurde. Der Call, der an die Redaktion des JVC und die internationalen Autor*innen von JVC ging (eine Gruppe, die im Prozess wachsen wird), enthielt unter anderem folgenden Absatz : „Es gibt eine Menge spontaner, ad hoc-Meinungsbildung und verfrühter Kommentare, wie zu erwarten war. Die in dieser Situation zu verfolgende Ethik und Politik der künstlerischen und theoretischen Praxis sollte uns jedoch darauf verpflichten, vorsichtig zu bleiben und mit Vorsicht in die Diskussion einzugreifen. Wie eine der Redakteurinnen von JVC, Brooke Belisle, erklärt: ‚Wir suchen nicht nach Sensationsmeldungen, sondern vielmehr nach Momenten der Reflexion, die Verbindungen zwischen dem, was jetzt geschieht, und den größeren intellektuellen Kontexten, die unsere Leser*innen teilen, herstellen; kleine, handliche Methoden und Verfahren  anbieten, um nachzudenken, und auf Werkzeuge, die wir haben, und auf Dinge, die wir kennen, zurückzugreifen, anstatt uns einfach nur betäubt und überfordert zu fühlen; helfen, als intellektuelle Gemeinschaft füreinander da zu sein, während wir isoliert sind; die Arbeit daran nachzudenken zu unterstützen und zu versuchen, einen Sinn zu finden/machen…, was immer auch ein kollektives Unterfangen ist, auch wenn wir gezwungen sind, getrennt zu sein.'“ TH

 

 

Tiger King (Netflix)/data center (stock image)

 

Videostreams die Verbindung von Pandemie und Klimakrise

von LAURA U. MARKS/p>

 

Angesichts der CoVid-19-Pandemie flüchten sich Menschen auf der ganzen Welt in Streaming-Medien, schauen sich Filme an, surfen durch Videoportale, halten jede Menge Videokonferenzen ab und konsumieren mehr Pornos als üblich.

Dieses Allheilmittel der Pandemie schürt eine noch drängendere globale Katastrophe, denn Streaming-Medien haben einen beträchtlichen Kohlenstoff-Fußabdruck. Online-Video macht fast 60 Prozent des weltweiten Datenverkehrs aus. Nach einer konservativen Berechnung ist Streaming Video für über 1 Prozent der globalen Treibhausgase verantwortlich – eine Zahl, die exponentiell ansteigt. Diese Tatsache, die IT-Ingenieuren und Brancheninsidern seit langem bekannt ist, gelangt allmählich in den öffentlichen Diskurs.

Für diesen Beitrag habe ich den Kohlenstoff-Fußabdruck der äußerst beliebten Netflix-Miniserie Tiger King berechnet, die in den vergangenen zehn Tagen des März 2020 in den Vereinigten Staaten 34.000.000 Mal gestreamt wurde.[1] Es kommen viele Variablen hinzu, es handelt sich also um eine Annäherung, aber sie ist nah dran an der Größenordnung der Auswirkungen.

 

Tiger King hat 7 Folgen zu ~45 Minuten = 5,25 Stunden. Angenommen, jede Zuschauer*in hat ein Viertel der Serie angesehen. Also:

Zeit pro Zuschauer*in: 5,25 x ¼ = 1,3125 Stunden

Gigabytes pro Zuschauer*in:

Ich habe die durchschnittliche Auflösung gewählt, 1080p [4300-5800 kbps = ~1,9-2,55 GB pro Stunde (webgeek 2018)]. Dies entspricht einem Durchschnitt von 2,225. 1,3125 Stunden x 2,225 GB/Stunde = 2,92 GB pro Tiger King-Zuschauer*in

Energie pro Zuschauer*in: 2,92 x 5 kWh/GB (Costenaro und Duer 2012) = 14,6 kWh

Gesamtenergie: 14,6 kWh x 34.300.000 einzelne Zuschauer*innen = 496.453.125 kWh Energie oder eine halbe Terawattstunde. Das entspricht dem Stromverbrauch Ruandas im Jahr 2016.

Kohlenstoff-Fußabdruck: Laut dem Greenhouse Gas Equivalencies Converter der U.S. Environmental Protection Agency würden 496.453.125 kWh Energie 351.012 Tonnen CO2 erzeugen. Das entspricht den Emissionen von 75.834 PKWs für ein Jahr. (Wären die USA bei der Energieversorgung nicht so abhängig von fossilen Brennstoffen, wäre diese Zahl natürlich niedriger).

 

Auf der anderen Seite, so der EPA-Rechner, entspricht der von diesem Tiger King-Pandemie-Streaming ausgestoßene Kohlenstoff der Menge an Kohlenstoff, die von 5.804.061 Baumsetzlingen gebunden wird, die 10 Jahre lang gewachsen sind. Wenn jede Tiger-King-Zuschauer*in einen Baum pflanzen würde…

Die Industrie tut alles, um uns davon zu überzeugen, mehr Medien mit höherer Bandbreite zu konsumieren, und Regierungen auf der ganzen Welt machen hier mit. Medienkonzerne werden die CoVid-19-Krise wahrscheinlich dazu nutzen, darauf zu bestehen, dass ubiquitäre Medien mit hoher Bandbreite einen wesentlichen Dienst für die Allgemeinheit darstellen. Als Verbraucher*innen, Bürger*innen und Aktivist*innen gibt es mehrere Möglichkeiten, wie wir diesem Sirenengesang widerstehen können. Dazu gehören:

– Forderung nach staatlicher Regulierung, zum Beispiel eine Kohlenstoffsteuer auf Rechenzentren und Netzwerke

– Praxis der „digitalen Nüchternheit“, dem The Shift Project (2019) folgend: weniger Streaming-Medien bei geringerer Auflösung verbrauchen

– Zahlung von Kohlenstoff-Offsets für Streaming

– wenn die Pandemie sich einmal gelegt hat, gehen wir ins Kino!

– Kauf und Verleih von DVDs (während der Pandemie macht mein lokaler Laden, Black Dog Video, Videoverleih am Straßenrand)

– Verbreitung von Medien per Post

– für Lehrerinnen und Lehrer: Schonung von Bandbreite, z.B. durch das Hochladen von Diashows mit Audiokommentar anstelle von Videos (Hilderbrand 2020)

– Demonstration, dass Medien mit geringer Bandbreite und kleinen Dateien auf „coole“ (McLuhan) und „haptische“ (Marks) Weise attraktiv sind. Genau das tun wir auf dem Small File Media Festival. Reicht Eure maximal 5G-Videos ein! Einsendeschluss ist der 30. Mai 2020

– und grundsätzlich fordern, dass unsere Regierungen auf erneuerbare Energien drängen.

 

Literatur

Alsharif, MH, J Kelechi, J Kim, & JH Kim. 2019. “Energy Efficiency and Coverage Trade-Off in 5G for Eco-Friendly and Sustainable Cellular Networks,” Symmetry 11, 408-439.

Andrae, A, & T Edler. 2015. “On Global Electricity Usage of Communication Technology: Trends to 2030.” Challenges 6, 117-157.

Costenaro, D, and A Duer. 2012. “The Megawatts behind Your Megabytes: Going from Data-Center to Desktop.” Proceedings of the 2012 ACEEE Summer Study on Energy Efficiency in Buildings, ACEEE, Washington, 13.65-13.76.

Hilderbrand, L. 2020. Remarks at our roundtable “Let’s Deal with the Environmental Impacts of Streaming Video,” Society for Cinema and Media Studies, April 4, 2020 (held online)

Lorincz, J, A Capone, & J Wu. 2019. “Greener, Energy-Efficient and Sustainable Networks: State-Of-The-Art and New Trends.” Sensors 19, 4864. 29 Seiten

 

Dank an meine Kollegen Joe Clark and Stephen Makonin für ihr Feedback auf erste Entwürfe dieses Beitrags.

[1] https://collider.com/tiger-king-netflix-viewers-34-million-joe-exotic/

 

Laura U. Marksarbeitet zu Medienkunst und Philosophie mit einem Fokus auf Interkulturalität. Sie lehrt und forscht an der Simon Fraser University in Vancouver.
16.04.2020 — Rosa Mercedes / 02
Schnittstelle

Tatsiana Shchurko on the War in Ukraine, Entangled Imperialisms, and Transnational Feminist Solidarity, via LeftEast (May 2, 2022): „[An] uneven knowledge production and the many implications of the war against Ukraine reveal the dire need to develop a feminist anti-capitalist critique of multiple imperialisms. This language should grow from within the occupied and suppressed communities of Eastern Europe and Eurasia. An anti-imperialist and anti-capitalist feminist positionality grasps that the local is part of a global in an effort to build transnational connections of mutual aid and support against state and corporate violence. For example, statements of solidarity with Ukraine expressed by the International Committee of Indigenous Peoples of Russia and Native American communities along with the anti-war feminist march in Bishkek (Kyrgyzstan) on March 8, 2022, pointing out that the war in Ukraine should be of concern for a broad transnational community, may serve as instrumental examples of alternative anti-capitalist and anti-imperialist solidarities that stretch beyond state regulations and macro-politics and foreground decolonial perspectives, necessary in addressing entanglements of multiple imperialisms. Such solidarities also bring to light hidden interconnections of the past that allowed for distant communities to survive and support each other against the violence of imperialist intervention and its attendant capitalist exploitation. Thus, the march in Bishkek reminds of the socialist roots of the International Women’s Day to call for internationalist, intersectional, class solidarity against imperialism and militarism.“

Vasyl Cherepanyn on that „It’ll take more than tanks to ease Germany’s guilt“ (via Politico): „Since the Soviet Union’s collapse, Germany has been imposing neocolonial optics on its Eastern European ‚peripheries,‘ and on the post-Soviet space in particular, where Ukraine was long considered a gray buffer zone about which the EU was ‚deeply concerned.‘ Germany didn’t bother itself much with differentiating between former Soviet countries’ pasts. Even until recently, any Ukrainian agenda in Germany was often ‚balanced‘ with a Russian perspective, so as to not exclude the latter by any means.“

An unnamed anarchist and art scholar, who joined the Territorial Defense Forces, quoted by Olexii Kuchanskyi in an essay on „Digital Leviathan and His Nuclear Tail“ (via Your Art and e-flux notes): „At dawn, Dima and I talked about cinema. Dima believes that cinema is inferior to literature as a means of expression because you spend much more time with a book than a film. It’s a really interesting point, something to dig into. I studied at the department of art theory & history and I never thought of it. Dima served in the military after school and worked at the factory all his life. He listens to rap, smokes pot, and tries to have fun. He is thirty-eight, his child was born last year. He likes Wong Kar-wai and is a fan of Asian cinema in general. Dima communicates by quoting Omar Khayyam, Confucius, and other awesome guys.“

20.04.2022

Vasyl Cherepanyn (Visual Culture Research Centre, Kyiv) on Putin’s “World War Z” and the West’s deadly “foot-dragging”, via Project Syndicate: “The main feature of this Western condition is constant belatedness. The West has always been too late, incapable of acting ahead and instead just reacting to what has already happened. As a Ukrainian joke went at the time, ‘While the European Union was taking a decision, Russia took Crimea.’ Then as now, Ukrainians wondered, ‘What is the West’s red line? What will compel the West to act instead of waiting and discussing when to intervene?’”

Barbara Wurm on Lithuanian director Mantas Kvedaravičius, killed in Mariupol, via Die Welt: “Kvedaravičius unfolded a whole spectrum of visual anthropology over a decade with only three films [Barzakh, Mariupolis, Parthenon]. It now awaits evaluation and exploration. The time will come. The films themselves make possible an infinite immersion in the matter of the world, between dream and reality, horror and everyday life, facts and phenomenal imagology.”

05.04.2022

Statement by #AfricansFromUA on Equal Treatment via e-flux notes: “Non-Ukrainian nationals from the war in Ukraine arriving in Germany have been facing very different terms of treatment—both in different federal states and cities but also within the very same city throughout time and different facilities. While some received so called ‚Fictitious Certificates‘ for one year without further procedures others were pressured to submit an asylum application with their finger prints registered and passports seized. Again others were given a so called “Duldung” including the threat of deportation.”

05.04.2022
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