Die neue Ekphrasis der V-Form

„Rezessionen beginnen, wenn niemand sie kommen sieht“, lautete der Titel eines Artikels in Forbes vom Mai 2019. Wirtschaftsprognosen, so der Autor, sind in der Regel äußerst zurückhaltend, wenn es um die Vorhersage einer Rezession geht: „Wann haben Sie mehr als eine Handvoll Ökonomen, Börsenstrategen oder Regierungsbehörden erlebt, die die Wirtschaft zwei Quartale hintereinander schrumpfen sehen?“ Jetzt stellen sich die Dinge aber offensichtlich ganz anders dar. Dank der in die Realität (und „unsere“ Wahrnehmung/Konstruktion von ihr) gerammten Evidenz von SARS-CoV-2 hat sich die „Handvoll“ von Ökonomen und anderen Fachleuten, die eine Rezession erwarten, erheblich vervielfacht, ja sie sind absolut zur Mehrheit geworden.

Was ist eine Rezession? Die Definitionen unterscheiden sich leicht je nach Kontext und dem jeweiligen nationalökonomischen Diskurs. Dies ist die Kurzfassung des US-amerikanischen National Bureau of Economic Research (NBER): „Eine Rezession ist ein signifikanter Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität, der sich über die gesamte Wirtschaft ausbreitet und länger als ein paar Monate andauert und normalerweise im realen BIP, im Realeinkommen, in der Beschäftigung, in der Industrieproduktion und im Großhandelseinzelhandel sichtbar ist. Eine Rezession beginnt kurz nach dem Höhepunkt der Wirtschaftstätigkeit und endet, wenn die Wirtschaft ihren Tiefpunkt erreicht hat. Zwischen Tiefpunkt und Höhepunkt befindet sich die Wirtschaft in einer Expansionsphase. Expansion ist der normale Zustand der Wirtschaft; die meisten Rezessionen sind kurz und in den letzten Jahrzehnten selten gewesen“. Abgesehen von der Klärung einiger Grundannahmen über die Wirtschaft, die den Analysen und dem Beratungshandeln des NBER und anderer Ökonomen zugrundeliegen (z.B. dass die Expansion der „Normalzustand“ der Ökonomie ist), bewegt sich die Sprache aufschlussreich nahe an der Ekphrase – sie beschreibt (oder vielmehr: evoziert) eine Landschaft der Höhen und Tiefen, und eine Zeitlichkeit der kurzen und langen Episoden, ebenso wie der Seltenheiten und der Häufigkeiten. Die gesamte Rede des wirtschaftlichen Auf- und Abschwungs, der Beschleunigung und der Verlangsamung, der Zyklen und der Konjunkturen ist stark metaphorisch, gleitet fortwährend zwischen Wort und Bild hin und her.

 

Daher kann das aktuelle Gespräch über Rezessionen, die V-förmig, U-förmig, L-förmig, W-förmig usw. (hilfreich bei Wikipedia zusammengefasst) ausfallen, durchaus in Begiffen der Rhetorik und der Ästhetik diskutiert werden. Lesen wir, wie die Altphilologin Froma Zeitlin in das Thema der Ekphrasis einführt: „Die Ekphrasis ist ein schlüpfriges Thema. Obwohl [üblicherweise] als rhetorische Figur (oder Redefigur) [behandelt], gehen ihre Verwendung und ihre Funktionen weit über diese eine Klassifizierung hinaus. Ob als rhetorische Übung, als literarische Gattung (oder Modus), als narrativer Exkurs, als Art der Beschreibung oder als poetische (sogar metapoetische oder metarepräsentative) Technik definiert, die Eigenschaften, die mit der antiken Ekphrasis verbunden sind, stehen nicht in Zweifel. An erster Stelle stehen die Eigenschaften der enargeia (Lebendigkeit), der sapheneia (Klarheit) und der phantasia (geistiges Bild), die zusammengenommen darauf abzielen, die Zuhörer*innen (oder Leser*innen) zu Zuschauer*innen zu machen und eine emotionale Reaktion durch einen Appell an die Unmittelbarkeit einer imaginären Präsenz hervorzurufen. Doch über diese kurze Definition hinaus führt uns das Wort ‚Ekphrasis‘ sofort zu einer ganzen Reihe von Fragen bezüglich seines intermedialen Status in einem potentiellen Wettstreit zwischen verbalen und visuellen Darstellungen, des Gebrauchs der Mimesis im Hinblick auf die Wahrhaftigkeit (Realitätsillusion; Wahrheitsfiktion) und seiner kognitiven, psychologischen und mnemotechnischen Funktionen in den kulturellen Erwartungen seiner Zeit. Es wäre nicht übertrieben zu behaupten, dass kein anderer rhetorischer Begriff in den letzten Jahren sowohl bei Altphilolog*innen als auch bei Nicht-Altphilolog*innen ein derartiges Interesse geweckt hat, das ästhetische Überlegungen, Visionstheorien, Betrachtungsweisen, geistige Eindrücke und die komplexen Beziehungen zwischen Wort und Bild einschließt“.

Auch wenn es etwas weit hergeholt, vielleicht sogar frivol erscheinen mag, die kommende/laufende Rezession in ästhetischen Kategorien zu behandeln, so kommt man doch nicht umhin, den metaphorischen Charakter vieler der aktuellen Ereignisse einzuräumen. Das Bild der V-förmigen Rezession, ein plötzlicher tiefer Fall, gefolgt von einem schnellen Anstieg – für einige wenige, und in besonderem Maße wohl für die Deutschen in ihrer wirtschaftlichen Stärke und berüchtigten Unnachgiebigkeit, wenn es um wirtschaftliche Solidarität geht (aktuell in der Weigerung der Bundesregierung, „Coronabonds“ zu akzeptieren, um auf diese Weise ihren europäischen Nachbarn zu helfen), gewinnt dieses Bild jetzt (d.h. unter dem Eindruck des „V-irus“) die Qualität einer Analogie, der Analogie mit dem V-ictory-Zeichen. Die jüngste Schlagzeile des Kiel Institute for World Economy lautet entsprechend (und in leicht vorauseilendem Triumph): „DEUTSCHE WIRTSCHAFT: V(IRUS)-FÖRMIGE REZESSION STEHT BEVOR  “  TH

 

01.04.2020 — Rosa Mercedes / 02
Schnittstelle

Lauren Berlant, the brilliant theorist of „cruel optimism“ and related issues, died of a rare form of cancer on June 28. The following, devastatingly optimistic quote is from a 2016 essay on the commons as „infrastructures for troubling times,“ part of a book that they worked on with the typically double-edged title On the Inconvenience of Other People: „What remains for our pedagogy of unlearning is to build affective infrastructures that admit the work of desire as the work of an aspirational ambivalence. What remains is the potential we have to common infrastructures that absorb the blows of our aggressive need for the world to accommodate us and our resistance to adaptation and that, at the same time, hold out the prospect of a world worth attaching to that’s something other than an old hope’s bitter echo. A failed episode is not evidence that the project was in error. By definition, the common forms of life are always going through a phase, as infrastructures will.“

 

Some basics from the Strike MoMA site: „Campaigns, actions, and letters chip away at the regime’s facade from the outside. Inside, every time workers organize, defy the boss, care for a coworker, disrespect secrecy, or enact other forms of subversion, cracks are created in the core. Cracking and chipping, chipping and cracking. As the walls that artificially separate the museum from the world collapse, we reorient away from the institution and come together to make plans. Let us strike in all the ways possible to exit from the terms of the museum so we can set our own.“

 

via Hyperallergic on the environmental impact of blockchain referring to recent NFT (non-fungible token) art sales: „This is not the first time the art world has come under scrutiny for being on the wrong side of the climate conversation. Artists and activists have protested everything from the carbon footprint of physical art fairs to the fossil fuel money funding major museums. But some say the energy consumption of cryptocurrencies is particularly egregious, and research shows it’s relatively easily quantifiable. A study by Cambridge University, for instance, estimates that bitcoin uses more electricity per year than the entire nation of Argentina. (Ethereum mining consumes a quarter to half of what Bitcoin mining does, but one transaction uses more power than an average US household in a day, according to the Institute of Electrical and Electronics Engineers.)“

 

Nicholas Mirzoeff on “Artificial vision, white space and racial surveillance capitalism”: “Based as it is on ‘epidermalization’ (the assertion of absolute difference based on relative differences in skin color), AI’s racial surveillance deploys an all-too-familiar racialized way of seeing operating at plan-etary scale. It is the plantation future we are now living in. All such operations take place in and via the new imagined white space of technology known as the cloud. In reality, a very material arrangement of servers and cables, the cloud is both an engine of high-return low-employment capitalism and one of the prime drivers of carbon emissions.”

 

Sara Ahmed on the performativity of disgust (from The Cultural Politics of Emotion, 2004): “To name something as disgusting is to transfer the stickiness of the word ‘disgust’ to an object, which henceforth becomes generated as the very thing that is spoken. The relationship between the stickiness of the sign and the stickiness of the object is crucial to the performativity of disgust as well as the apparent resistance of disgust reactions to ‘newness’ in terms of the generation of different kinds of objects. The object that is generated as a disgusting (bad) object through the speech act comes to stick. It becomes sticky and acquires a fetish quality, which then engenders its own effects.”

15.06.2021

auf Hyperallergic über die Umweltbelastung durch Kryptowährungen aus Anlass jüngster Auktionen von NFT (non-fungible token)-Kunst: „This is not the first time the art world has come under scrutiny for being on the wrong side of the climate conversation. Artists and activists have protested everything from the carbon footprint of physical art fairs to the fossil fuel money funding major museums. But some say the energy consumption of cryptocurrencies is particularly egregious, and research shows it’s relatively easily quantifiable. A study by Cambridge University, for instance, estimates that bitcoin uses more electricity per year than the entire nation of Argentina. (Ethereum mining consumes a quarter to half of what Bitcoin mining does, but one transaction uses more power than an average US household in a day, according to the Institute of Electrical and Electronics Engineers.)“

 

Nicholas Mirzoeff on “Artificial vision, white space and racial surveillance capitalism”: “Based as it is on ‘epidermalization’ (the assertion of absolute difference based on relative differences in skin color), AI’s racial surveillance deploys an all-too-familiar racialized way of seeing operating at plan-etary scale. It is the plantation future we are now living in. All such operations take place in and via the new imagined white space of technology known as the cloud. In reality, a very material arrangement of servers and cables, the cloud is both an engine of high-return low-employment capitalism and one of the prime drivers of carbon emissions.”

 

Sara Ahmed on the performativity of disgust (from The Cultural Politics of Emotion, 2004): “To name something as disgusting is to transfer the stickiness of the word ‘disgust’ to an object, which henceforth becomes generated as the very thing that is spoken. The relationship between the stickiness of the sign and the stickiness of the object is crucial to the performativity of disgust as well as the apparent resistance of disgust reactions to ‘newness’ in terms of the generation of different kinds of objects. The object that is generated as a disgusting (bad) object through the speech act comes to stick. It becomes sticky and acquires a fetish quality, which then engenders its own effects.”

07.11.2020

David Graeber (1961-2020) on What Would It Take (from his The Democracy Project. A History, a Crisis, a Movement, 2013, p. 193): „We have little idea what sort of organizations, or for that matter, technologies, would emerge if free people were unfettered to use their imagination to actually solve collective problems rather than to make them worse. But the primary question is: how do we even get there? What would it take to allow our political and economic systems to become a mode of collective problem solving rather than, as they are now, a mode of collective war?“

07.09.2020
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