Alles ist möglich

Prometheische Schamlosigkeit mit Arendt, Anders und Farocki in Sachsen-Anhalt

An prominenter Stelle in Bilder der Welt und Inschrift des Krieges (1988) bezieht sich Harun Farocki auf Hannah Arendt. Über eine der Luftaufnahmen des Vernichtungslagers Auschwitz, das die Alliierten am 25. August 1944 aufgenommen haben, ohne es zu bemerken, legt der Filmemacher eine durchsichtige Folie und schreibt das Wort LABORATORIU–. Die Einstellung mit den Händen des Autors auf der grobkörnigen Fotografie wird unterbrochen von einem Schnitt zurück zum allerersten Schauplatz des Films, den Großen Wellenkanal in Hannover-Marienwerder, in dem die Bewegungen des Wassers wissenschaftlich erforscht werden. Nach dem Ende des Zitats im Off schneidet Farocki zurück und schreibt das Wort zu Ende: LABORATORIUM.

Dazu hören wir: „Hannah Arendt schrieb, die Konzentrationslager seien Laboratorien gewesen. ‚Laboratorien, in denen experimentiert wird, ob der fundamentale Anspruch der totalitären Systeme, daß Menschen total beherrschbar sind, zutreffend ist. Hier handelt es sich darum festzustellen, was überhaupt möglich ist und den Beweis dafür zu erbringen, daß schlechthin alles möglich ist.‘“

Arendts Gedanke aus „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, 1955 auf Deutsch erschienen, lässt sich als Kommentar zum Wahlkampf der AfD in Sachsen-Anhalt lesen, der vor wenigen Tagen mit 43,8 Prozent für die Partei endete. Auf der Bühne über dem Kopf von Ulrich Siegmund in Großbuchstaben: ALLES IST MÖGLICH. Der Punkt am Ende des Satzes ist Teil der Parole. Auf großen Plakaten am Straßenrand und kleineren an Laternenpfählen: „Es beginnt hier. Alles ist möglich.“ An Wahlkampfständen in Halle, Magdeburg oder der Lutherstadt Eisleben: „Keine Steuer auf die Rente! Alles ist möglich.“ – „Alles ist möglich“, oft auch ohne weitere inhaltliche Qualifizierung, war das Mantra der AfD im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt.

Auf einer ersten Ebene gibt sich der Satz als Versprechen. „Die besten Schulen der Welt. Alles ist möglich.“ Eine Welt wird beschworen, in der die Schulausbildung exzellent ist und die Rente steuerfrei. Was ließe sich dagegen einwenden?

Die Feststellung „Es beginnt hier“ wirkt in der Emphase eines Bruchs schon aggressiver. Eine neue Zeitrechnung wird proklamiert, in der Sachsen-Anhalt der Auftakt sein soll für das, was hier und jetzt anfängt und sich auf andere Länder und schließlich den Bund ausweiten wird. In anderen Satzmontagen zeigt sich „Alles ist möglich“ schließlich als unverhohlene Drohung. „Unser Land. Unsere Kultur. Alles ist möglich.“ – „Bürokraten vom Acker jagen. Alles ist möglich.“ – „Ein Land ohne Illegale. Alles ist möglich.“ Mit den „Illegalen“ ist nicht der AfD-Direktkandidat gemeint, der mehrfach rechtskräftig verurteilt wurde wegen Urkundenfälschung und Diebstahls und jetzt trotz Bewährungsstrafen mit einem Wahlergebnis von fast 44 Prozent in den Landtag einzieht. Die Drohung zielt auf Asylsuchende, Migrant*innen oder schlicht „andere“, die nicht zur Fiktion „unseres Lands“ und „unserer Kultur“ passen. Besonders unverblümt: „Abschieben ab Minute eins.“

„Alles ist möglich“ – für Hannah Arendt kristallisiert sich darin eine totalitäre Idee des Machbaren: Wenn alles möglich ist, gelten keine Grenzen mehr – nicht die des Rechtsstaats, nicht die der Menschlichkeit, nicht die einfachsten Regeln gegenseitiger Rücksichtnahme. Nur konsequent, dass Machbarkeitsunternehmer wie Elon Musk am Wahlabend umgehend ihre Glückwünsche nach Magdeburg sandten. Muskismus als praktizierter Möglichkeitstotalitarismus in Bezug auf Raum, Zeit und Imagination: Leben auf dem Mars – alles ist möglich. Überwindung des Todes – alles ist möglich. AI – alles ist möglich. Das emanzipatorische Potenzial des Möglichen, wie es von Musils Möglichkeitssinn über denkbare „Möglichkeitsräume“ hin zu Alexander Kluges „Konjunktiv der Bilder“ reicht, wird destruktiv überschrieben, die Utopie wird zur Dystopie.

Neben Hannah Arendt ist Günter Anders ein zweiter wichtiger Bezugspunkt in Bilder der Welt und Inschrift des Krieges. Der Philosoph hat über die Vernichtungslager ebenso nachgedacht wie über den Abwurf der Atombombe. Beides sprengt in seinen Dimensionen die menschliche Vorstellungskraft. Von „prometheischer Scham“ angesichts dieser planetarischen Zerstörungskräfte, wie Anders das nannte, ist heute wenig übrig. Die Hybris des „Alles ist möglich“ ist eher ein Indiz für prometheische Schamlosigkeit. Klingt es nach Defätismus oder Pathos, wenn man fragt: Ist das Mögliche noch zu retten? Ist Rettung möglich?

Volker Pantenburg

11.09.2026 — Rosa Mercedes / 06