Die Welt, die mich umgibt, bewohnt mich auch (Journal of Visual Culture & HaFI, 13)

Dies ist die dreizehnte Ausgabe einer Zusammenarbeit zwischen dem Journal of Visual Culture und dem Harun-Farocki-Institut, die durch die COVID-19-Krise ausgelöst wurde. Der Call, der an die Redaktion des JVC und die internationalen Autor*innen von JVC ging (eine Gruppe, die im Prozess wachsen wird), enthielt unter anderem folgenden Absatz : „Es gibt eine Menge spontaner, ad hoc-Meinungsbildung und verfrühter Kommentare, wie zu erwarten war. Die in dieser Situation zu verfolgende Ethik und Politik der künstlerischen und theoretischen Praxis sollte uns jedoch darauf verpflichten, vorsichtig zu bleiben und mit Vorsicht in die Diskussion einzugreifen. Wie eine der Redakteurinnen von JVC, Brooke Belisle, erklärt: ‚Wir suchen nicht nach Sensationsmeldungen, sondern vielmehr nach Momenten der Reflexion, die Verbindungen zwischen dem, was jetzt geschieht, und den größeren intellektuellen Kontexten, die unsere Leser*innen teilen, herstellen; kleine, handliche Methoden und Verfahren  anbieten, um nachzudenken, und auf Werkzeuge, die wir haben, und auf Dinge, die wir kennen, zurückzugreifen, anstatt uns einfach nur betäubt und überfordert zu fühlen; helfen, als intellektuelle Gemeinschaft füreinander da zu sein, während wir isoliert sind; die Arbeit daran nachzudenken zu unterstützen und zu versuchen, einen Sinn zu finden/machen…, was immer auch ein kollektives Unterfangen ist, auch wenn wir gezwungen sind, getrennt zu sein.'“ TH

 

Die Welt, die mich umgibt, bewohnt mich auch

Von Yve Lomax

 

Ungeachtet der Hybris, die dies behaupten würde, ist das menschliche Leben keine Lebensform, die über allen anderen steht. Menschliches Leben ist untrennbar mit unzähligen Lebensformen verbunden, und zwar in einem Maße, dass es manchmal sogar schwer fällt, von menschlichem Leben zu sprechen. Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass ein Phänomen namens Mensch entstanden ist; er behauptet Zentralität und, indem er sich ebendort hinstellt, nimmt er das Recht, alles zu verwüsten, da ja schließlich alles ihm gehört. Und dieser Mensch wurde zu einem gespenstischen Wesen. Es sucht heim, was als Mensch bezeichnet wird, nicht nur in seinen Taten, sondern auch einfach, weil er da ist – jenseits aller Varianten, dem Maß gebend, was als das Überlegene und das Unterlegene, das Schönste und das Schlimmste gilt.

Wie müde die Welt dieses Menschen und seines Gespensts geworden ist.

Genug.

Der Schrei verschafft sich Gehör in der Stille, die eintritt, wenn die Bohrungen gestoppt sind, die Flugzeuge nicht mehr fliegen, die Straßen von schnellen Autos befreit sind und die Erschütterungen der täglichen Plackerei verstummen.

Wie müde sind wir der Menschlichkeit.

In der Stille, erneut: genug.

Keine Lebensform und keine Seinsweise kann jemals von allen anderen getrennt, über alle anderen erhaben sein. Alle Lebensformen sind in eine Welt eingebettet, in der das Leben nichts anderes ist als seine Möglichkeiten. Und dieselbe Konfiguration lässt sich finden, wenn ich sage, dass die Welt außerhalb ihrer Ausdrucksformen keine Existenz hat. Aber von dieser Welt kann ich auch nicht sagen, wo sie beginnt oder wo sie endet, und Gleiches gilt für das Leben. Aber ich kann sagen, dass Du diese Ausdrucksform bist.

Sicher, Lebensformen können in Sackgassen geraten und Katastrophen kennen. Aber nie enden die Möglichkeiten, die auf bemerkenswerte Weise unautorisiert sind. Jeder Möglichkeit eines Lebens (einer Lebenswelt) geht nichts voraus, auf das sie sich zur Identität und Definition bezieht oder, denn so kann es auch kommen, sie als die reinste aller Möglichkeiten heimsucht.

Das Leben ist nicht dasselbe, egal welche Form oder Größe es hat. Stets ein Sein des Potenziellen, wird das Leben auf viele Arten ausgesprochen – das ist es, was Leben sein kann. Manche sagen es so: Leben … ist immer schon homonym in einer Pluralität von Formen geteilt.

Die vorherrschende Stille macht diese Art des Teilens spürbar; die Atmosphäre ist reif mit ihr, und glaube mir, kein Gespenst verfolgt sie.

Hier bin ich, eingetaucht.

 

Yve Lomax, 4 May

 

 

Yve Lomax ist eine Autorin, bildende Künstlerin und Redakteurin. Zu ihren jüngsten Veröffentlichungen gehören: Nearness (2019); Figure, calling (2017); Pure Means (2013); Passionate Being: Language, Singularity and Perseverance (2010).
05.05.2020, 02 / Rosa Mercedes
Schnittstelle

David Graeber (1961-2020) on What Would It Take (from his The Democracy Project. A History, a Crisis, a Movement, 2013, p. 193): „We have little idea what sort of organizations, or for that matter, technologies, would emerge if free people were unfettered to use their imagination to actually solve collective problems rather than to make them worse. But the primary question is: how do we even get there? What would it take to allow our political and economic systems to become a mode of collective problem solving rather than, as they are now, a mode of collective war?“

07.09.2020, Tom

T.J. Demos on why cultural practitioners should never surrender, via tranzit.sk:  „For artists, writers, and curators, as art historians and teachers, the meaning-production of an artwork is never finished, never fully appropriated and coopted, in my view, and we should never surrender it; the battle over significance is ongoing. We see that battle rise up in relation to racist and colonial monuments these days in the US, the UK, and South Africa. While the destruction of such monuments results from and is enabling of radical politics, it’s still not enough until the larger institutions that support and maintain their existence as well as the continuation of the politics they represent are also torn down. This is urgent as well in the cultural sphere, including the arts institutions, universities, art markets, discursive sphere of magazines and journals, all in thrall to neoliberalism, where we must recognize that it’s ultimately inadequate to simply inject critical or radical content into these frameworks, which we know excel at incorporating those anti-extractivist expressions into further forms of cultural capital and wealth accumulation. What’s required is more of the building of nonprofit and community-based institutions, organizing radical political horizons and solidarity between social formations.“

21.08.2020, Tom

Bernard Stiegler, quoted from The Neganthropocene (trans. Daniel Ross): „Does anyone really believe that it is possible to ‘solve’ the problems of climate change, habitat destruction and cultural destruction without addressing the consumerist basis of the present macro-economic system, or vice versa, or without addressing the way in which this system depletes the psychic energy required to find the collective will, belief, hope and reason to address this planetary challenge? Can this consumerism really survive the coming wave of automation that threatens to decimate its customer base and undermine the ‘consumer confidence’ that is fundamental to its perpetual growth requirements, themselves antithetical, once again, to the problems of biospherical preservation?“

14.08.2020, Tom
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