„Magritte arbeitet mit Titeln wie ein FILMKRITIKer schreiben muß“, Hartmut Bitomsky in der Filmkritik, Dezember 1976
Schönheit und Schrecken
von Hartmut Bitomsky
(Rezension von René Magritte, Die truglosen Bilder. Bioskop und Photographie, Einführung und Bildlegenden von Louis Scutenair, Köln: Buchhandlung Walther König, 1976; in: Filmkritik, Nr. 240, Dezember 1976, S. 602-603)
Natürlich haben unsere Köpfe die Form eines Schachbretts, das wir spielend mit einer Hand in die Höhe halten, während wir uns die Pfeife schmecken lassen. Bei der erkennungsdienstlichen Behandlung verzog so mancher das Gesicht zu einer nutzlosen Grimm-Masse, um nicht identifizierbar zu sein. So wurde er zum Riesen. Magritte stand sich oft selbst Modell, daher solche Vorsichtsmaßnahmen. Er versteckte sich in den Bildern.
Schluß mit dem Geheimnis! ich rede: von den truglosen Bildern. Dies ist ein Buch mit Reproduktionen von Photos und Kadern aus 8mm-Filmen, die Magritte gemacht hat. Leider sind die Reproduktionen nicht so wild, was am Ausgangsmaterial liegen mag. Außerdem ist das Buch nicht gerade billig: 20 Mark für 110 Abbildungen, zumeist 10 cm x 7 cm. Erschienen bei der Buchhandlung König in Köln.
Schon das Format der Photos macht das Buch einem Familienalbum ähnlich. Hauptsächlich sind Magritte, seine Frau Georgette und Freunde abgebildet, meistens bei Spaziergängen durch die Stadt oder auf dem Lande, manchmal aber auch in der Wohnung oder im Garten.
Man darf keine Kunst darin entdecken wollen. Es sind Photos von irgendwelchen Leuten gemacht von irgendwelchen Leuten, also Amateurphotos. Diese Amateure hier allerdings sind Leute, die sich sonst, wenn sie gerade mal nicht essen, ausruhen, reden, auf die Bank gehen und dann sich dabei mal knipsen, künstlerisch betätigen. Was für einen Unterschied macht das?
Folgenden: sie können vor der Kamera auch einen Unsinn anstellen, sie können die Zeitspanne überbrücken, von der wir zwischen dem zaghaften Posieren und dem Auslösen des Apparates uns peinigen lassen.
Wo wir uns mit einer Ernsthaftigkeit zu konzentrieren versuchen, als ob das Leben davon abhinge, werden sie übermütig; wo wir uns schäbig, eitel, entblößt, sichtbar und durchschaut wähnen, weil ein Bild von uns genommen wird, reißen sie die Münder vor Staunen auf.
Wir atmen erst erleichtert wieder auf, wenn das Schnappen des Verschlusses zu vernehmen war. Und dann, wenn das Photo entwickelt ist, fällt auch die Beklommenheit von uns ab, und wir stürzen uns mit einer unverhohlenen Neugier darauf. Dann haben wir unseren Spaß. Man sieht eben gern und läßt sich nicht so gern sehen.
Kurzum, die Leute, die Magritte (u.a.) photographiert hat, sind gut über die Schwelle der zwiespältigen Empfindungen hinweggekommen, ja, und es scheint mir fast, als seien die Bilder geradezu als pure Demonstration gemacht, wie gut sie darüber hinwegkommen können. Es sind Photos von einem Sport.

René Magritte, La vertu recompensée, 1934
Der Horizont halbiert das Bild in der Waagrechten. Nur ein paar Häuser, die sich in mittlerer Reichweite an einer Straße entlang ins Bild verlaufen haben, ragen aus dem Boden über diesen Horizont hinaus. So mögen sie schon ewig stehen. Aber davor liegt ein planiertes, steiniges Feld, und auf dem Feld steht, uns den Rücken zugewendet, der Mann mit Bowler und Mantel und schaut auf etwas, das von der Kamera nicht gesehen worden ist. Er läßt sich diese Tugend belohnen.
Malen ist bei Magritte ein sachliches, einsilbiges Hervorbringen von Gütern, die der Mensch beständig erzeugen muß, wegen seines sanften Zorns auf die Natur, die ihn nicht gratis versorgt. Doch sein Photographieren ist wie – äh – sich erst einmal ohne Vorbehalt beschenken lassen mit einem Reichtum, der sowieso und ohne uns auf der Welt zu finden ist. (Aufs Ganze gesehen kann man diesem Reichtum nicht besonders viel hinzufügen; die Arbeit eines Lebens hinterläßt nicht einmal soviel Spuren in der Welt wie ein flüchtiges Runzeln auf der Stirn: weshalb man soviel arbeiten und denken muß.)
Magritte hat den Photos Titel zugefügt, es sind wunderbare Titel, sonst wären sie nicht von Magritte. Seine Titel sind immer eine Weise der Aneignung. Übrigens ist das hierbei viel spannender als bei seinen Gemälden, wo Titel und Bild immer gleichermaßen willkürlich sind. Magritte arbeitet mit Titeln wie ein FILMKRITIKer schreiben muß: eine absolute Hingabe an die Dinge, die sich aber dieser listigen Aneignung widersetzen, und das läßt er geschehen.
Wenn man etwas über Magritte sagen will, schießen einem immer gleich sofort auf einmal automatisch zwei Sachen durch den Kopf. In seinen Bildern, schrieb Humphrey Jennings, treffen sich beauty and terror.
Wenn das Unmögliche zusammenkommen soll, kann das doch nur ein Aufruf zur Gewalt sein. Denn inzwischen ist doch klar geworden, daß man München, Bonn und das Eden-Hochhaus hier in Berlin (und das schon seit 1919) nurmehr mit dem entsicherten Revolver unter dem Arm betreten kann.
Jetzt die Schönheit: Vier Frauen und ein Mann in ihrer Mitte und noch einer rechts von ihnen – alle eingehakt – gehen von uns fort, ohne Eile, auf dem unbefestigten Weg durch die Ebene. Es fehlt ihnen jegliches Gepäck und jeder Proviant. Ich hoffe, daß sie sich wenigstens die Dukaten in die Tasche gesteckt haben. Auf solche Weise sind sie schon vor Einbruch der Dunkelheit auf der Straße nach Kansas. Freilich führt eine jede Straße nach Kansas, wenn man es wünscht.
13.05.2026 — Rosa Mercedes